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1.8 Von Krankheit

Lesedauer: 6 Minuten

Noch praktischer kann ich das an einem Beispiel anführen, das beide Seiten zeigt und das mich als Protagonisten ins Spiel bringt. Ich hole ein klein wenig aus, damit du einen Eindruck von meinem eigentlichen Wesen bekommst. 

Nach Abschluss der Realschule habe ich eine Ausbildung als Verwaltungsfachangestellter absolviert. Ein Beruf, der mir und meinem Wesen überhaupt nicht entspricht. Wer mich näher kennt, der schüttelt mit dem Kopf, sobald ich von dieser Zeit erzähle. Eigentlich hätte ich studieren wollen. Irgendetwas mit Schreiben, da ich bis heute unheimlich gerne Texte verfasse und Geschichten erzähle. Oder vielleicht was Kreatives, eventuell grafisches Design oder so.

 Meine Kernkompetenzen liegen in der Kommunikation – sowohl grafisch als auch schriftlich und in der Verbindung von Logik und Kreativität. Leider bekomme ich meine Bilder im Kopf nicht zufriedenstellend über die Hände als Bilder auf Papier. Zeichnen kann ich nur mit einer Vorlage oder einem realen Bild vor meinen Augen.

Meine beiden Gehirnhälften funktionieren annähernd gleich gut. Dies habe ich durch mehrere psychologische Tests herausgefunden. Bei manchen Tätigkeiten überwiegt die rechte, bei anderen die linke Seite. Aber beide können in Sekundenschnelle für die andere übernehmen. Ich bin hochintelligent und ein Psychologe erklärte mir, dass meine Fähigkeit, in Sekundenbruchteilen von einer logisch-rationalen in eine kreativ-empatisch-emotionale Denkweise zu schlüpfen sehr selten ist. 

Das soll kein Eigenlob sein, denn ich bilde mir nichts auf meine Fähigkeiten ein. Ich besitze sie von Geburt an und habe nichts dafür geleistet. Sie sind lediglich das Handwerkszeug, das ich am Werkzeuggürtel mit mir herumtrage. In vielen Fällen erwies sich meine Intelligenz – gerade für mich selbst im Umgang mit mir selbst – als extrem hinderlich. Zu viel Nach- und Zerdenken gestaltet das Leben nicht eben leichter.

Ich besaß zu jener Zeit überhaupt keine Vision oder auch nur annähernde Idee, was ich mit meinem Leben anfangen sollte. Mein offensichtlichstes Talent, mich der Schriftstellerei zu widmen, wurde von allen um mich herum schlecht geredet. Also entschloss ich mich, auf meine Eltern zu hören und einen vernünftigen und zukunftssicheren Beruf zu erlernen. Nach meiner Ausbildung wurde ich in die Registratur eines öffentlichen Arbeitgebers gesetzt. Dort erledigte ich mit meinen Kolleg*innen den Posteingang und Postausgang, verwaltete die Akten und das Büromaterial und kümmerte mich um den Einkauf. Hin und wieder diente ich als Umzugshelfer, wenn ein Mitarbeiter das Büro wechselte. Das waren alles Arbeiten, die mich unterforderten. Ich hätte besser als Reinigungskraft arbeiten können, da hätte ich während der Arbeit wenigstens meine Musik über Kopfhörer hören können, anstatt das Gedudel im Radio, das meine Kolleg*innen im Großraumbüro bevorzugten. Nach zehn Jahren schaffte ich dann den Sprung in die IT-Abteilung des Amtes. Etwa fünf Jahre fühlte ich mich endlich am richtigen Platz angekommen. Ich unterstützte die Kolleginnen und Kollegen, so gut es in dem Rahmen des öffentlichen Dienstes möglich war und hatte vor Ort freie Hand in der Ausgestaltung des Rahmens. Dann wurde das Amt umstrukturiert und es stießen neue Kolleg*innen ins IT-Team hinzu. Durch ein Versehen blieben wir von da an zu 60% unterbesetzt. Da keiner das mitbekam, war der Arbeitsdruck entsprechend hoch. Unter für mich immer schlechter werdenden Bedingungen machte ich das Spiel weitere zehn Jahre mit. Ich liebte es, die Computerprobleme direkt an den Arbeitsplätzen der Kolleg*innen zu lösen. Währenddessen genoss ich die Gespräche mit ihnen. Es war die Verbindung all meiner Fähigkeiten. Genau das wurde jedoch immer weniger gefordert. Zum Schluss sollte ich möglichst meine komplette Arbeitszeit am Schreibtisch im Büro verbringen. Von mir wurde verlangt, nur noch den externen Dienstleister zu beauftragen und das Controlling durchführen. Als schließlich herauskam, dass wir unterbesetzt waren, wurden nicht mehr Menschen eingestellt, sondern ausgerechnet die praktischen Aufgaben ausgelagert. Also genau das, was ich am liebsten tat. Ich dachte entsetzt daran, dass ich diese Ausprägung meines Jobs noch weitere 25 Jahre mitmachen sollte. In meinem 26. Jahr im Amt verschlechterte sich meine Gesundheit rapide. Ich war öfter krank und fühlte mich nicht mehr so leistungsfähig. Einem guten Kollegen gegenüber scherzte ich, dass mich meine Arbeit krank werden ließ. 

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Dass ich weniger leistete, fiel irgendwann auch den Kolleg*innen auf. Ohne vernünftige Begründung meinerseits, gingen sie verständlicherweise davon aus, dass ich keine Lust mehr hatte. Innere Kündigung nennt man das. Zeitweise fühlte es sich für mich auch so an. Ich bin nicht der Typ für Untätigkeit. Ich langweile mich schnell, wenn ich keine Herausforderungen bewältigen kann. Privatsachen während der Dienstzeit zu erledigen – einige tun dies ja in erstaunlichem Umfang – verursachte bei mir ein schlechtes Gewissen gegenüber den Kolleg*innen. Ich will gar nicht abstreiten, dass ich es kurz ausprobiert habe. Doch der Stress, den das bei mir verursachte, war größer als die Arbeitslast. Danach stemmte ich mich noch einmal gegen meinen Zustand an und legte mich richtig ins Zeug. Das verschlimmerte alles nur. Am Anfang des Jahres streckte mich eine schwere Bronchitis mit Lungenentzündung 2 Monate nieder. Mein Arzt diagnostizierte ein schwer angeschlagenes Immunsystem in Folge von Stress.

Die Lösung für mein Dilemma sah ich darin, meine Arbeitszeit auf 30 Stunden die Woche zu reduzieren und günstig zu wohnen. Zu der Zeit wurde es erstmals möglich, 3 Tage die Woche aus dem HomeOffice zu arbeiten. Auch das beantragte ich. Beide Anträge wurden in meinem Fall abgelehnt, eine Begründung bekam ich nicht. An dem Tag der Ablehnung wurde mein Gesundheitszustand innerhalb von Stunden kritisch. Extrem hoher Bluthochdruck, starke Erschöpfungszustände und überall Schmerzen im Körper. Mein Hausarzt zog mich erst einmal weitere 2 Monate aus dem Verkehr. Die acht Wochen Pause verbrachte ich größtenteils im Bett und bekam noch einmal acht Wochen Nachschlag, mit der Aufforderung einen Psychotherapeuten aufzusuchen. Dessen Diagnose: hochsensibel, psychisch gesund, doch körperlich und stressbedingt krank. Beide Ärzte empfahlen mir, mich beruflich umzuorientieren und mir einen neuen Arbeitgeber oder Beruf zu suchen. ›Erschöpfung, mittlere depressive Episoden und diverse psychosomatische Krankheitssymptome‹, lautete die Diagnose. Nach sechs Monaten Krankschreibung, die ich hauptsächlich erschöpft und antriebslos mit Schmerzen im Bett verbrachte, erwirkte ich bei meinem Arbeitgeber einen Auflösungsvertrag und rutschte mit meinem Attest übergangslos in die Arbeitslosigkeit. Es sollte noch weitere sechs Monate dauern, bis die wahre Ursache meiner Krankengeschichte ans Licht gelangte.

Zeitsprung zurück: Ein halbes Jahr bevor ich die schwere Bronchitis bekam, stachen mich einige Insekten auf dem Kopf. Vor allem auf der Stirn und auf der Schädeldecke. Die Wunden verschlossen sich schnell wieder. Doch anstatt zu heilen, gärten Bakterien darin. Vier Monate später brachen die Wunden eitrig auf. Mein Hausarzt behandelte mit der Verabreichung von Antibiotika. Die Wunden heilten nicht wirklich. Sie schlossen sich wieder, jedoch waren Krater entstanden, die unter der neuen Haut entzündet blieben. Gut sichtbare, rote Flecken traten auf der Kopfhaut auf. Zwei Monate später, also kurz vor der Bronchitis zog ich um und suchte mir einen neuen Arzt vor Ort. Der hatte nun andere Herausforderungen mit mir und sagte voraus, dass die Wunden von allein heilen würden, mit genügend Zeit. Doch sie weigerten sich standhaft, diese Prognose zu erfüllen. Ein Jahr später schickte mich mein Hausarzt zum Hautarzt. Der diagnostizierte – ganz richtig – einen Pilzbefall der Wunden, wodurch sie nicht richtig heilten. Die Flecken waren kraterartig und vertieften sich zur Mitte hin. Sie wurde immer größer. Als die Pilze abgetötet waren, verheilten die Stellen immer noch nicht. Eine erneute Beprobung und Analyse ergab die Diagnose: Sarkoidose. Dabei handelt es sich um eine Krankheit, die einer Autoimmunerkrankung ähnelt. Es wird vermutet, dass sie unter anderem durch Langzeitbefall mit bestimmten Bakterien entsteht. Das erklärte mir der Lungenarzt. Bei ihm bekam ich schnell einen Termin, denn Sarkoidose greift fast immer die Lunge an und kann auf alle anderen Organe überspringen. Nach einiger Zeit kann sie außerdem chronisch werden. Ein uralter Teil des Immunsystems, der normalerweise inaktiv ist, erwacht und beginnt damit, spezielle Zellen in großer Anzahl (Granulome) zu produzieren, die eine Ausbreitung der Bakterien verhindern soll. Diese Granulome werden um die Entzündungsherde herum gebaut, wo die Bakterien vorhandene Zellen zerstört haben. Leider passen die Granulome nicht zum Rest des Körpers, stören die Funktion der Organe und verursachten meine insgesamt 32 verschiedenen Symptome. Die Krankheit verläuft nicht mehr oft tödlich, aber immer extrem anstrengend, ist schwer zu diagnostizieren, äußert sich bei jedem anders und wirkt sich wirklich schmerzhaft aus. 

Der Lungenarzt wiederum fackelte nicht lange, als er hörte, dass ich damit bereits mindestens zwei Jahre herumlief. Er wies mich in eine Lungenklinik ein, wo ich zehn Tage lang von Kopf bis Fuß untersucht wurde. Die Klinikärzte fanden heraus, dass außer der Haut auch Lunge, Milz, Niere und wahrscheinlich die Bauchspeicheldrüse befallen waren. Deswegen die verschiedenen Symptome, die ich für den Lungenarzt aufschreiben musste. In 25 davon kam das Wort Schmerz vor. Der Rest waren Müdigkeit, körperliche Erschöpfung und Antriebslosigkeit. Einige andere stammten von der Magenschleimhautentzündung, die mich zusätzlich heimsuchte. Und dann war ich plötzlich auch noch Diabetiker Typ 2. Eigentlich Typ 3, die durch Vorerkrankung ausgelöste Diabetes, die mit Heilung der Krankheit auch wieder verschwinden kann. Was aber bisher nicht geschehen ist. Mein Hausarzt bezeichnete das Gesamtpaket als Lottogewinn. Mir wäre Geld bedeutend lieber gewesen. Der Sachpreis war ein wenig enttäuschend. Nach einem halben Jahr hoch dosierter Kortisontherapie und extrem hohem Blutzucker mit unkontrollierbaren Schwankungen, ging es mir entscheidend besser. Ich war seit 3 Jahren wieder größtenteils und die meiste Zeit über schmerzfrei.