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1.9 Und Chance

Lesedauer: 7 Minuten

Nun komme ich auf den eigentlichen Grund meines Berichts. Ich habe etliche Menschen kennengelernt und auch über Jahre oder Jahrzehnte begleiten dürfen, die vor immensen gesundheitlichen Herausforderungen standen. Fast alle hatten dauerhaft Schmerzen oder erhebliche körperliche Einschränkungen zu tragen. Dabei fiel mir auf, dass sich diese Menschen in zwei Arten aufspalteten. Diejenigen, die gegen die Krankheiten ankämpften und diejenigen, die sich ihnen hingaben. Die Hingabe teilt sich dann noch einmal in zwei Arten: Aufgabe und Anpassung.

In meiner eigenen Familie habe ich alle drei Arten kennengelernt. Die Aufgebenden hatten es am Schwersten, denn sie befanden sich im Widerstand, hatten jedoch keinerlei Kraft mehr zu kämpfen und dümpelten einfach im Leben herum, bis sie starben. Oder sie dümpeln immer noch. Aufgabe ist meines Erachtens überhaupt keine Option, deswegen gehe ich hier nicht näher darauf ein. 

Gegen eine Krankheit zu kämpfen, hört sich zunächst einmal stark und mutig an und ist es auch. Es ist viel besser, als aufzugeben und in manchen Fällen auch eine gute Lösung. Schauen wir uns einmal an, wie ein Kampf gegen eine Krankheit abläuft.

Sobald die Diagnose steht, widmet sich der Patient gedanklich den Herausforderungen, die nun auf ihn zukommen. Im besten Falle informiert er sich umfassend über die Krankheit und entscheidet sich dann für eine Behandlungsmethode oder Therapie. Er wälzt viele Gedanken und möchte unbedingt wieder zu dem Zustand zurückkehren, der vor der Erkrankung vorlag. Bei leichten Krankheiten kann dies funktionieren. Bei schweren, lebensverändernden Krankheiten nicht. Hier passt sich der Kämpfer nach vielem Hin und Her an. Allerdings erst, wenn er keine anderen Wege mehr sieht. Kämpfer neigen dazu, ein Ziel anzuvisieren und dann darauf hin zu arbeiten, ganz egal welche Hindernisse den Weg versperren. Wie ein Ritter mit Morgenstern auf seinem treuen Streitross, prescht er voraus und zertrümmert alle Hindernisse mit brachialer Gewalt. Erst wenn das Ziel komplett außer Reichweite rückt, besinnt er sich und schlägt einen anderen Weg ein, den er erneut auf die gleiche Weise zu meistern sucht. Es fällt ihm schwer sich den Gegebenheiten anzupassen, denn fast alle langwierigen Erkrankungen fordern die Aufgabe des alten Lebens und eine umfassende Veränderung. 

Das trifft insbesondere auf die zu, die nicht tödlich sind, jedoch die Leistungsfähigkeit verringern und die Lebensqualität verändern. Kämpfer können Schwäche nicht gut tolerieren. Sie wollen immerzu stark sein und die Kontrolle über sich, ihren Körper und ihr Leben behalten. Sie lassen sich nicht gerne von einer Krankheit diktieren, was sie zu tun und zu unterlassen haben. Das habe ich vielfach während der Zeit in der Lungenklinik gesehen, wo Menschen mit schweren Lungenschäden weiterhin rauchen. Oder in der eigenen Familie, wo sich Menschen an ihrer Leistung messen und sich selbst mit ihrem Leistungsanspruch so unter Druck setzen, dass sie zusätzlich zu ihren gesundheitlichen Herausforderungen noch in eine Erschöpfungsdepression geraten. Landläufig wird diese Burn-out genannt, weil Depression nach Schwäche klingt und ausgebrannt nach einer großen Leistung über einen langen Zeitraum hinweg. Selbst bei der Benamigung von unüblichen Zuständen spielt der Druck der Leistungsgesellschaft mit hinein. Diese Kämpfer wurden allesamt grimmig, verzweifelt und gaben oft auf. Etliche ließen ihre Ängste, ihren Unmut, ihren Frust und ihren Ärger an den Menschen um sie herum aus. Ich war selbst ein regelmäßiger Empfänger dieser Abladeaktionen. Natürlich kann ich die Menschen nachvollziehen, die das tun. Allerdings wusste ich instinktiv, dass es auch anders geht.

Zudem stellte ich fest, dass ich – ganz im Einklang mit den Gesetzen der Dualität – mir alle möglichen Herausforderungen in meinem Leben einmal von außen und von innen anschauen darf. Zuerst sehe ich, wie andere mit ihr umgehen und mache es dann anders. Oder ich bewältige meine Herausforderung und kann dann andere bei der Überwindung ihrer Hürden unterstützen. Oft kann ich auch noch die dritte Seite miterleben, wenn Menschen ihre Hürden gemeistert haben und andere dann unterstützen.

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In diesem Fall habe ich meine Krankheit von Anfang an akzeptiert und im Sein gelassen. Sie war da und ich wusste, dass sie so schnell nicht wieder weggehen würde. Auch wenn sie am Anfang nicht sonderlich groß oder spektakulär erschien, hatte ich den Seelenimpuls, dass ich einige Jahre damit zu tun haben würde. Es kostete mich anfangs einiges an Überwindung, einfach mal nichts zu tun, wenn der Körper nicht konnte, aber der Geist ganz wach und voller Tatendrang war. Viel Zeit verbrachte ich im Bett und fand mich damit ab, dort allein zu sein. Es war nicht klar, ob ich ansteckend war oder ob meine Symptome schlimmer wurden, wenn ich mich mit zusätzlichen Infektionen anstecken würde. In dieser Zeit stand die Familie an zweiter Stelle und Freund*innen an dritter. Zuerst war mir wichtig, meine Gesundheit wieder herzustellen. Ich unternahm alles Mögliche, ließ mich von mehreren Spezialisten durchchecken, arbeitete energetisch, mit Nahrungsergänzungsmitteln, Ernährungsumstellung, Medikamenten und allem, was gerade anfiel, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich setzte mich selbst nicht unter Druck und achtete darauf, dass auch von außen kein Druck zu mir gelangte. Ich blieb immer guten Mutes und sagte mir, dass es gar keine andere Möglichkeit gab, als dass ich wieder gesund werden würde. Und zwar auf eine leichte und für mich die beste Art. Und so kam es auch. Auf meinem Weg ereigneten sich unglaubliche Zufälle, die mir mein Leben erleichterten. Zuvor undenkbare Möglichkeiten wurden plötzlich real. Ich konnte mich ganz auf mich und meine Gesundheit konzentrieren. Meine damalige Gefährtin und ihr Sohn gingen mit und unterstützen mich, wo sie konnten. Solange ich konnte, erwiderte ich die Unterstützung, doch ich war dankbar, dass ich in den Stunden, in denen nichts ging auch nichts tun musste. Mein Arbeitgeber ließ mich ohne Probleme gehen. Der soziale Dienst der Arbeitsagentur bescheinigte mir, dass ich in Zukunft nur noch im HomeOffice arbeiten darf. Das ermöglichte mir die Teilnahme an einer Fortbildung und anschließend einer Umschulung in einer virtuellen Schule im Internet von zu Hause aus. Für die Umschulung hat sich eine Mitarbeiterin der IHK für mich stark gemacht. Vor mir durfte nicht von zu Hause aus teilgenommen werden. Alle mussten an die Standorte der Umschulungsfirma fahren und dort in Großraumbüros ebenfalls über Internet virtuell an den Schulungen teilnehmen. Also im Grunde war es egal, wo man saß, der Vorgang war immer derselbe. Dank ihres Einsatzes wurde  jedoch für mich und  zwei weitere Teilnehmer an Umschulungen extra ein HomeOffice-Pilotprojekt aufgelegt. Ansonsten hätte ich die Umschulung mit meinem Gesundheitszustand nicht durchführen können und wäre kurz darauf ins Arbeitslosengeld 2 gerutscht. 

In der Klinik hatte die Oberärztin mir mitgeteilt, dass ich in der Zeit meiner Kortisontherapie nicht arbeiten oder an Schulungen teilnehmen dürfe, so lange ich beides nicht von zu Hause aus machen könnte – wegen der Ansteckungsgefahr, der ich unterlag. Jeder bakterielle Infekt würde meine Heilung hinauszögern oder verkomplizieren. 

Also geschah alles zur rechten Zeit zu meinen Gunsten. Nun durfte ich endlich das lernen, was ich bereits mit 18 hätte machen wollen.

Alle Menschen, die mich trafen, bewunderten meine Einstellung zur Krankheit, meine Fröhlichkeit und meinen Mut. Doch für mich war alles einfach, denn ich akzeptierte jede neue Herausforderung erstmal als gegeben und richtete mich nach ihr. Ich wartete ab, was auf mich zu kam und handelte nach meinen Seelenimpulsen.  Das machte alles einfach, denn unsere Seele will immer nur das Beste für uns und lediglich alle Aspekte des Lebens erfahren. Lässt man das zu und geht einfach mit, dann wird alles leicht und einfach. Es kommt gar kein Ärger, keine Angst, kein Frust, keine Wut auf und ich kann meine gute Laune, meine Fröhlichkeit, meine Liebe auch während so genannter schlechter Zeiten leben. Ich brauche nichts an anderen auslassen und es ist immer für mich gesorgt.

Die Energie, die ich einsparte, indem ich widerstandslos blieb, ermöglichte mir eine schnellere und leichtere Gesundung.

Akzeptanz ist eine der größten Gaben und eins der mächtigsten dir zur Verfügung stehenden Werkzeuge. Mit deinem Widerstand stehst du immer dir selbst und oft auch anderen im Weg. 

Die Akzeptanz von Allem-das-ist, das Im-Sein-lassen, legt den Grundstein für ein energiereiches und erfülltes Leben voller Wunder. Danach kannst du einfach alles machen und alles einfach machen. Beides im Verbund entfesselt deine volle kreative Kraft, die durch deinen Widerstand ausgebremst wurde. Stell dir einfach vor, dein Leben ist ein mäandernder Fluss mit vielen Biegungen und Kurven. Mal geht es in die eine Richtung, mal in die andere. Wie einfach du mit einem Boot den Fluss hinab gelangst, liegt daran, wie viele Felsen im Flussbett liegen, die dich behindern und die du umschiffen musst und wie viele Stromschnellen diese Felsen schaffen. Die Felsen stehen hier für deine Gedanken, die sich im Widerstand befinden. Sie lauten: »So geht das nicht und so will ich das nicht.«

Ein Fluss ohne Felsen ermöglicht es dir, dich einfach und ohne viel Mühe in der Strömung treiben zu lassen. Du kannst jederzeit mit dem Ruder steuern, überall anlanden und alles tun, was dir gerade einfällt. Du brauchst nicht einmal viel Aufmerksamkeit darauf legen, was der Fluss von dir fordert, denn seine Strömung hält dich immer in der Mitte, egal, welche Richtung er nimmt und wie scharf die Biegung auch sein mag. Du kannst dich voll und ganz auf das Ausgestalten deines Lebens konzentrieren. Ein Fluss ohne Hindernisse kann ebenso einfach alles, das du benötigst zu dir bringen, denn die anderen Bootsfahrer, die dir die Dinge liefern, haben es auf deinem Fluss auch viel leichter. Vor allem, wenn du noch dazu entscheidest, ihnen ihre Arbeit teilweise abzunehmen. So unterstützt ihr euch gegenseitig. 

Viele Felsen bieten viel Widerstand, erschweren die ganze Sache und verhindern Begegnungen oder machen Unternehmungen unmöglich. 

Überleg dir, wie du leben möchtest, denn nur du kannst es entscheiden. Jede Entscheidung, die du nicht triffst, ist auch eine Entscheidung. Allerdings trifft sie dann das Leben oder ein anderes Liebewesen für dich. Du darfst mit dem Resultat klarkommen. Eine neue Herausforderung, die dir wieder die Entscheidung aufdrängt, ob du ein Wider-Ständler oder ein Akzep-Tänzer sein willst.