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2.1 Die üblichen Verdächtigen

Lesedauer: 6 Minuten

Es gibt Ziele. Überall. Auch in der esoterischen und mystischen Szene. Ich will nicht über die Menschen urteilen oder negativ schreiben, die sich in diesen Kreisen aufhalten. Ich beziehe mich lediglich darauf, da ich viele Menschen kenne, die in beiden Bewegungen unterwegs sind und mir nicht glücklicher, erfüllter oder schöpferischer vorkommen, als alle anderen. Das kommt wohl daher, dass ihre Dogmen, Ansichten und Praktiken aus Zeiten stammen, die mit einem modernen Alltag nichts gemein haben. Jedoch hängen sie immer noch an Aussagen und Vermächtnissen, die in der heutigen Welt keine Relevanz und keinen Platz mehr haben. Mystizismus stammt aus den alten Zivilisationen der Chinesen, Ägypter, Mesopotamier, Azteken, Mayas, Inkas, dem Schamanismus, den Blut- und Opferritualen und so weiter. Alles bereits Jahrtausende alt und erprobt. Aber eben nicht mehr relevant für die heutige Zeit. Esoterik stammt aus neuerer Zeit, verwendet jedoch ebenso veraltete spirituelle Aussagen und Vermächtnisse großer Lehrer, die ebenfalls Jahrhunderte und Jahrtausende in der Vergangenheit lebten.

Beiden Richtungen, die sich an etlichen Punkten überschneiden ist gemein, dass sie viel geheimnisumwittertes Wissen, eigene Sprachen und schwere Verständlichkeit verwenden, um sich vom Rest der Menschheit abzugrenzen. Also auch hier WIR und DIE ANDEREN. Freie spirituelle Menschen wurden ebenso verfolgt, wie religiöse Minderheiten. Sie sind oft Anfeindungen ausgesetzt gewesen oder zumindest wurde ihnen der Sinn ihres Glaubens abgesprochen und sie wurden ausgegrenzt. Um dem entgegenzuwirken, entwickelten sie eine Art Code, der nur Menschen anzieht, die ebenso wie sie selbst geartet sind. Heute ist religionslose Spiritualität ganz normal und niemand braucht sich zu schämen, weil er an mehr glaubt, als die Wissenschaft erklären kann. Das tun die Kirchen schließlich schon lange.

Nun kommen wir zu den üblichen Verdächtigen.

Die esoterische Spiritualität definiert einige Ziele, die es zu erreichen gilt, um ins Elysium einzugehen. Das ist das Paradies, allerdings nicht als Ort, wie in der Bibel beschrieben, sondern als Seinszustand des ewigen Glücks.

Da wären die drei großen E’s: Erwachen, Entwicklung und Erleuchtung. Das Erwachen geschieht in dem Augenblick, in dem dir bewusst wird, dass dein ganzes Leben bisher irgendwie nicht so stimmig ist, wie du es immer wahrgenommen (als Wahrheit angenommen) hast. Du beginnst zu hinterfragen und alles aus einem anderen Blickwinkel heraus zu betrachten. Viele Dinge, die dir bisher normal erschienen, ergeben auf einmal keinen Sinn mehr oder entpuppen sich als blanke Lügen. Deine bisherigen Ziele im Leben spielen mit einem Mal keine allzu große Rolle mehr für dich, da sie dir leer und inhaltslos vorkommen. Du fühlst dich ein wenig verloren, weil du noch keine neuen Ziele vor Augen hast. Jeder Mensch – als kreatives Wesen – benötigt auf lange Sicht ein Ziel.

Erwachen ist meines Erachtens kein Ziel, denn ein Ziel ist etwas, das man aus eigenem Antrieb erreicht. Erwachen passiert meist einfach so, ohne dass du etwas dafür tun musst. Manche Menschen werden auch durch andere inspiriert und beginnen ihr gewohntes Leben anders wahrzunehmen. Aber das geschieht auch ohne Eigenleistung. Der Begriff des Erwachens ist für mich sogar negativ belegt, seitdem Esoteriker angefangen haben Menschen, die anders als sie selbst denken, als Schlafschafe zu betiteln. Solch ein herabwürdigendes Verhalten zeugt nicht wirklich von besonders wachem und offenem Geist. Viele Menschen lernen früh, sich zu reflektieren, oder nehmen die Welt von Geburt an aus einem anderen Blickwinkel wahr. Sie sind erwacht, ohne es zu bemerken oder überhaupt mit Spiritualität in welcher Art auch immer in Berührung gekommen zu sein.

Entwicklung ist auch kein Ziel, sondern ein Weg. Vor allem ist es ein Weg, der noch vor der Geburt beginnt und auch nach dem Tod anhält. Also nichts Besonderes, wie es von den Persönlichkeitsentwicklern so hochgepriesen wird. Persona bedeutet, wie bereits erwähnt Maske. Man entwickelt also nur eine Maske und nicht sein eigenes Selbst bei der Persönlichkeitsentwicklung. Man könnte sie auch Selbstoptimierung nennen. Sie zielt auf die Perfektionierung unseres Selbst ab. Das ist auf diesem Weg unmöglich zu erreichen. Dazu braucht man sich nur einmal das Pareto-Prinzip anschauen, wonach eine Annäherung an Perfektion (also an 100%) ein unglaubliche Menge an Energieaufwand benötigt. Man benötigt nur 20% Aufwand, um 80% Erfolg zu erhalten. Je näher man an die 100% gelangen will, desto mehr Energieeinsatz fordert es von dir. Du wirst in deinem Leben vermutlich nicht genügend Zeit und Energie zur Verfügung haben, um das von Dir gewünschte Ziel der Perfektion zu erreichen. Persönlichkeitsentwicklung ist also auch kein Ziel. Entwicklung ist die Norm und nicht die Ausnahme. Jedes Liebewesen und sogar Steine, Planeten und Sonnen entwickeln sich in ihrer eigenen Geschwindigkeit. 

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Also bleibt nur noch die Erleuchtung als Ziel. Buddha Gautama (der berühmteste Buddha) definiert Erleuchtung als die Abwesenheit allen Leids. Dieses Ziel ist schnell erreicht, ist man erst einmal in der Akzeptanz und lässt alles im Sein. Es ist kein spektakulär besonderer Zustand. Du hast ihn bestimmt schon erlebt, nämlich wenn du gerade nicht leidest. Also alle leidfreien Momente sind Momente der Erleuchtung. Nun wird das Ziel darin gesucht, diesen Moment in einen Dauerzustand umzuwandeln. Doch wie kann man das erreichen? Woher stammt das meiste Leid? Du fügst es dir selbst zu. Beziehungsweise dein dramasüchtiger Verstand macht aus allem einen Grund zum Leiden, sobald es ihm möglich ist. Dazu sind weder dein Körper noch deine Seele imstande. Also wird dich das Gleichgewicht von Körper, Verstand und Seele von allem Leid befreien. Das wird jedoch nur zeitweise so sein. Da wir unseren Verstand noch benötigen, können wir ihn niemals ganz abschalten. Von Zeit zu Zeit werden wir wieder in die Zweifel-Mangel-Leid-Spirale eintauchen, die er uns verpassen möchte. Erleuchtung ist ein vorübergehender Zustand, der uns spätestens bei der nächsten Katastrophe vorübergehend wieder entschwindet. 

Viele spirituelle Menschen wollen ihre Entwicklung gar nicht abschließen, denn sie denken, dass sie gehen müssen – also sterben – sobald der Moment des erleuchteten Seins gekommen ist. Das ist natürlich ganz und gar nicht der Fall, sonst hätten Menschen wie Jesus und Buddha ihre Lehren gar nicht verbreiten können. 

Andere spirituelle Menschen verwechseln den Zustand der Erleuchtung mit absoluter Glückseligkeit. Sie sehen sich einen Meter über dem Erdboden in erhabener Meditation schweben, die ganze Zeit über nur Glücksgefühle empfindend. Es ist ein gefühlsmäßiger Zustand, den du auf jeden Fall erreichen kannst, der jedoch immer nur von kurzer Dauer ist. So lange du in der Dualität der Realität verweilst, kommen unweigerlich schlechte Zeiten, die eigentlich nur herausfordernde Zeiten sind, in denen nicht alles zu deinen Gunsten läuft.

In Wirklichkeit ist deine Entwicklung niemals abgeschlossen. Es geht immer weiter. Und dann fängt alles wieder von vorn an, weil es deiner Seele so viel Freude bereitet hat, alles zu erleben. Du willst schließlich auch ein gutes Essen nochmal genießen, einen Wald- oder Meerspaziergang nochmal unternehmen, einen schönen Sonnenuntergang oder einen tollen Film nochmal sehen, ein inspirierendes Buch nochmal lesen oder ein wundervolles Computerspiel nochmal spielen. Du willst viele Erlebnisse  nochmal erleben, die dir gefallen haben. Also der Ausspruch: »Meine Seele ist diesmal zum letzten Mal hier und kommt nicht wieder«, kann nur ein Gedanke des Verstands sein. Du wünscht dir das wahrscheinlich einfach nur, weil du gerade in einer Klemme steckst, aus der du keinen richtigen Ausweg siehst. Deine Seele wird sich die erneute Inkarnation nicht nehmen lassen.

Deswegen ist Erleuchtung kein Ziel, sondern ein weiterer Schritt auf dem Weg.

Nach der Erleuchtung kannst du den Frieden mit dir selbst und allem, das existiert anstreben und finden. Aber auch der ist nur vorübergehend, bis die Dualität zuschlägt. Deswegen warten viele spirituelle Menschen auf den großen Knall, der die Dualität beendet und einen ewigen Zustand der Glückseligkeit herbeiführt. Moment, das hatten wir schon, oder? Vielleicht klappt es ja auf einer Ebene, in der die Dualität nicht stattfindet. Das wird dann aber wohl nicht hier auf der Erde sein, denn die ist ja gerade dazu geschaffen, um die Dualität abzubilden, damit unsere Seele sie erleben kann. Warum sollte sie sich also auflösen (die Dualität, nicht die Erde)?

Was kommt nach all dem? Das spielt überhaupt keine Rolle, denn es gestaltet sich für jeden ganz individuell. Ziele sind ein nützliches Instrument für den Verstand, damit er weiß, womit er sich beschäftigen und worauf er hinarbeiten kann. Ziele sind rational. Der Seele sind Ziele vollkommen gleich, denn sie will sowieso (wie bereits mehrfach erwähnt) ALLES erleben und erfahren, was es überhaupt im ganzen materiellen Sein zu erleben und erfahren gibt. Und mit ALLES meint sie auch ALLES. Alles Gute und alles Schlechte und alles dazwischen. 

Den philosophischen Diskurs, was nun gut und schlecht bedeutet und dass beides eigentlich doch nicht existiert, spare ich mir an dieser Stelle, denn beides ist eine reine Sache der Bewertung.

Ich habe mich schon lange davon gelöst, dass es spirituelle Ziele zu erreichen gilt. Das Leben ist kein levelbasiertes Spiel, in dem man von Stufe zu Stufe aufsteigt. Es ist eher wie diese kreativen Welten-Bau-Spiele, wo man keinen Plan hat, was man eigentlich tut, aber irgendwie macht es die meiste Zeit über Spaß, es einfach zu spielen. Für mich existiert kein Ziel, außer das zu erschaffen, auf das ich Lust habe und das mir entspricht.