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2.3 Der große Sprung

Lesedauer: 7 Minuten

Irgendwann in deinem Leben kommt der Moment, in dem deine Entwicklung so weit fortgeschritten ist, dass nur noch möglich ist, durch einen Sprung weiter zu kommen.

Mit Sprung meine ich, dass es nicht genügt, weiter einen Fuß vor den anderen zu setzen und so durchs Leben zu gehen. Um wirklich weiter zu kommen, darfst du dich bewusst für diese spezielle Handlung, diesen für dich großen Schritt, entscheiden. Du darfst deinen Mut zusammennehmen, um zu handeln. Bestimmte Bereiche des Lebens bieten dir die Chance auf eine komplette Veränderung deines Erfahrungsbereichs. Du kannst natürlich den Sprung auch unterlassen und weiter in deiner jetzigen Bahn fortfahren. Meistens nimmst du die Chance zum Wechsel jedoch in Momenten wahr, in denen du feststellst, dass es für dich so nicht mehr weitergehen kann, ohne dass du Schaden nimmst.

Dieser Sprung kann dich auch mehrmals im Leben ereilen. Bei mir hat es den Moment schon einige Male gegeben. Ich nenne ihn neuerdings den Pillenmoment. Das hat einen ganz anderen Ursprung, doch auch einige verblüffende Überschneidungen mit dem grandiosen Film Matrix. Solltest du ihn noch nicht gesehen haben, dann hole das am besten gleich nach. Dort gibt es einen Moment, in dem Neo, der Protagonist (die Hauptfigur) des Films sich entscheiden muss. Er ist ein erfolgreicher Hacker und wird von einer Gruppe Widerständler aus einer Untergrundbewegung aufgespürt. Sie wollen ihm eine lebensverändernde Information eröffnen. Doch vorher bietet ihm Morpheus (mythologisch gesehen der Gott der Träume, der die Schlafenden jederzeit aus ihren Träumen erwecken kann) zwei Pillen an, eine rote und eine blaue Pille. Zuvor hat Neo einige unglaubliche und unerklärliche Dinge erlebt. Doch um die ganze Wahrheit zu erfahren, reicht es nicht, einfach wie bisher weiter zu leben. Die blaue Pille lässt ihn die letzten Ereignisse einfach vergessen. Er wacht in seinem Bett auf und lebt sein Leben weiter, wie bisher. Nimmt er die rote Pille, erwacht er aus dem Traum seines bisherigen Lebens und Morpheus zeigt ihm die Wirklichkeit, die weit jenseits von Neos Vorstellungskraft stattfindet. Neo weiß kaum etwas über diese Realität und kann sich nichts Konkretes unter dem vorstellen, was ihm die Widerständler erzählen. In diesem Fall ist der Widerstand nicht der von mir vorhin erwähnte Verstand, sondern stellt diejenigen dar, die alle anderen im Film aus ihrem realen Schlaf ins Bewusstsein erwecken wollen, damit sie die wirkliche Welt um sich wahrnehmen. Diese Filmrealität ist schrecklich.

In meinem Leben stand ich schon einige Male an einer Stelle, an der ich nicht wusste, wie es weitergehen würde. Ich wusste nur, dass ich diese Stelle überwinden musste, um mein Leben zu ändern. So wie es sich zu jenem Zeitpunkt für mich darstellte, wollte ich es nicht weiterführen. Überwinden deshalb, weil es mich tatsächlich Einiges an Überwindung gekostet hatte, den Sprung zu wagen. Hätte ich es nicht getan, dann säße ich heute nicht vor meinem Monitor, um dieses Buch zu schreiben. Diese Stelle fühlt sich an, als stünde man an einem Abgrund und könnte außer der Klippe und dem bodenlosen Schlund nichts sehen. Auf der anderen Seite des Abgrunds erstreckt sich eine grüne, mit Blumen und Bäumen bewachsene Wiese. Aber die andere Seite ist weit entfernt.

Ich wusste, dass da drüben alles besser sein müsste, als hier. Trotzdem konnte ich es ja nur erahnen. Was, wenn ich mich irrte und der Sprung hinüber ein großer Fehler wäre? Mir war klar: Nach dem Sprung würde ich niemals wieder hierher zurückkehren können.  Nochmal würde ich diesen Sprung nicht schaffen. Dafür fehlte mir die Kraft. Allerdings konnte es so, wie es in diesem Moment lief, auch nicht weiter gehen oder es ginge eben immer so weiter, ohne dass eine Besserung einträte. Nun fühlte ich mich wie Indiana Jones beim letzten Kreuzzug, der vor dem felsigen Abgrund steht und einfach einen Schritt nach vorne wagt. »Der Pfad Gottes – nur beim Sprung vom Kopf des Löwen, wird er sich als würdig erweisen«, zitiert Indy den Spruch aus dem Gralstagebuch. Als er den Fuß absetzt, schwenkt die Kamera nach rechts. Es stellt sich heraus, dass dort ein Pfad verborgen war, der exakt genauso aussah wie der Felsabgrund. Der Weg ist nur unsichtbar, wenn man direkt davor steht. Nun kann unser Held seinen Weg ganz einfach fortsetzen. Auch hier spreche ich eine Filmempfehlung aus, denn genauso hat es sich jeweils für mich angefühlt, diesen Sprung auszuführen. 

Ich hatte mächtig Respekt und auch ein wenig Angst, ihn zu wagen, doch jedes Mal stellte sich heraus, dass es sich in Wirklichkeit um einen einfachen Schritt, statt eines Sprungs handelt. Ich musste mich eben nur lediglich bewusst für diesen Schritt entscheiden und meine Komfortzone weit hinter mir lassen. 

Ein einfacher Schritt ist der Beginn einer neuen Reise, die die ganze Welt umspannen kann.

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Auf der anderen Seite des Abgrunds war das Gras wirklich grüner, die Blumen bunter und die Bäume schattenspendender. Alles Alte und für mich Unpassende löste sich vollständig auf. Der Felsweg zerbrach bei der Überquerung, doch das machte mir nichts aus, denn zurück wollte ich auf keinen Fall. In Wirklichkeit schloss sich der Abgrund in mir. Eigentlich hatte er lediglich in meinem ängstlichen – nur auf Sicherheit bedachten – Verstand existiert, nirgendwo sonst. Nach jedem Sprung  wurde mein Leben noch besser. Und obwohl ich das vorher geahnt hatte, hatte mein Verstand mich ständig gewarnt und bedrängt, nicht zu springen.

»Du weißt doch gar nicht, ob sich das lohnt. Vielleicht bildest du dir das nur ein und dieser Sprung lässt uns sterben. Oder du brichst dir beide Beine und bist fortan ein Krüppel. Schau mal, da drüben ist es in Wirklichkeit auch nicht anders hier. Lass doch lieber alles beim Alten. Das bist du gewohnt, mit deinem jetzigen Leben kennst du dich doch aus. Die paar Problemchen und Herausforderungen, die wir noch haben, meistern wir Schritt für Schritt. Lass uns doch so ein 21-Tage-Mindset-Veränderungs-Dingens machen oder an einem Seminar zum aktuell vorliegenden Thema teilnehmen. Oder wir machen eine Psychotherapie oder… ach ich hab noch so viele tolle Ideen! Lass das mit dem Sprung, ja? Nein! Nicht springen! Nein! Wir werden sterben!«

Die größte Angst der meisten Menschen ist der Tod. Sie haben so viel Angst vor dem Sterben und dass danach alles zu Ende ist, dass sie die unglaublichsten Dinge bewerkstelligen, nur um diesen einen Moment hinauszuzögern. Dabei steht von der ersten Sekunde unserer materiellen Existenz fest, dass wir sterben werden. Anders ist die Entwicklung, die unsere Seele durchläuft, gar nicht möglich. Der Tod ist nicht das Ende deiner Existenz, sondern nur das Gegenteil deiner Geburt. Du hast vorher existiert und wirst danach weiter existieren. Die Geburt verändert nur deine Struktur: aus Energie wird Materie. Der Tod kehrt diese Wandlung lediglich um, damit aus der Materie wieder Energie werden kann. Der Körper, den du zurück lässt, wird zersetzt und dabei dient er neuer Materie als Grundlage für ihre Entwicklung und ihren Wachstum. 

Durch die Angst vor dem Tod leiden die meisten Menschen auch an Zukunftsangst. Wir leben sehr lange Zeit unseres Lebens in der Vergangenheit oder in der Zukunft. Bis vor einigen Jahren wusste ich zwar, dass es die Gegenwart gibt, doch ich war nie so richtig dort. Ständig schwenkten meine Gedanken in die Vergangenheit und analysierten sie. Ich dachte viel darüber nach, was alles geschehen ist und wo der Sinn darin liegt. Meines Erachtens tun wir dies, um eine Formel zu finden, auf deren Grundlage wir die Zukunft sicher berechnen können. Denn der nächste Gedanke galt meist der Zukunft. Ich stellte mir vor, wie meine Handlungen sie beeinflussen würden und was ich in Zukunft so alles tun und haben wollte und wer ich sein würde.

Doch aller Gedankenschmalz des Verstands half nichts, denn durch meine langen Aufenthalte in Zukunft und Vergangenheit verpasste ich viele Möglichkeiten in der Gegenwart. Die Gegenwart (das Hier-und-Jetzt) ist der einzige Zeitpunkt, an dem jeder von uns handeln kann. Die Vergangenheit ist in Stein gemeißelt und die Zukunft liegt im Ungewissen. Die Analyse der Vergangenheit und das Übertragen der Ergebnisse in die Zukunft bringt im Normalfall nichts. Da gibt es doch diesen weisen Volksmund, der sagt: »Erstens kommt es anders und zweitens als man denkt.« Genau so ist es. Keine Situation ereignet sich zweimal genau gleich, deswegen können wir aus der Vergangenheit zwar grobe Richtlinien ableiten, aber nichts wirklich in unsere Zukunft transportieren. Niemand macht denselben Fehler genau zweimal auf die gleiche Art. Niemand handelt zweimal exakt gleich in derselben Situation. Also bringt das Analysieren der Vergangenheit nichts und deswegen ist die Angst vor der ungewissen Zukunft unnütz. Die Zukunft geschieht, ob wir Angst davor haben oder nicht. Doch unsere Handlungen werden von dieser Angst nicht nur beeinflusst oder gelenkt. Die Zukunftsangst hält uns fest in ihrem Griff und sorgt dafür, dass wir auf der sicheren Seite bleiben und kein Risiko eingehen. Doch sie behindert gleichzeitig unsere Entwicklung und hält uns davon ab, unbequeme und doch nötige Entscheidungen zu treffen, die uns schneller an den Punkt der absoluten Öffnung hin zu unserer Seele bringen. Die Seele kennt keine Angst, sondern nur Liebe und Vertrauen. Sie ist in dem Zustand, den wir als Neugeborene noch erleben: voller Sorglosigkeit und Urvertrauen in die Welt und unser Leben. 

Zurück zum überwundenen Abgrund. Dein Verstand bezieht seine Kraft und Energie also aus der Todes- und der Zukunftsangst. Er versucht dich mit allen Mitteln der Manipulation davon abzuhalten, die Herausforderung anzunehmen und deinen Fuß einen Schritt machen zu lassen. Weil er nicht weiß, was dann geschieht. 

Nach dem Sprung stellt der Verstand erstaunt fest, dass eigentlich gar nichts geschehen ist und die einzige Veränderung in dir stattgefunden hat. 

Bereits dreimal stand ich vor einem Abgrund und war wirklich am Ende mit meinem Latein. Nicht einmal mein Verstand, dem ich bei den beiden ersten Malen noch sehr verbunden war, wusste eine Lösung. Mit den diversen Herausforderungen war ich hemmungslos überfordert. Also habe ich mich an das Universum (die Seele, Gott, Allah, Vishnu oder den großen Werauchimmer) gewandt und habe mit ihm gehadert. Wie in einem klassischen Bibelmoment, wo der jeweilige Protagonist der Geschichte mit Gott schimpft, und verzweifelt, habe ich klargestellt, dass ich nicht mehr so weiter mache und jetzt meine Hände in den Schoß lege. Wenn das Universum wollte, dass ich noch irgendwas tue, dann solle es gefälligst dafür sorgen, dass sich meine Herausforderungen zum Guten wenden und von selbst erledigen. In diesem Moment war ich wirklich wütend, verletzt und voller Zukunfts- und Todesangst. Bei allen drei Gelegenheiten geschah exakt dasselbe: Ich spürte, dass sich in mir etwas veränderte. In dem Augenblick, in dem ich wirklich soweit war, dass ich alles hinwerfen und nichts mehr tun wollte, in dem ich meine Ängste und Bedenken wegwischte und mir alles egal[3] war, veränderte sich alles. Die Veränderung meiner inneren Einstellung sorgte dafür, dass sich meine Welt rundherum ebenfalls änderte. Das dauerte ein wenig und darauf komme ich später noch zurück.