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2.4 Der Pillenmoment

Lesedauer: 6 Minuten

Der dritte Abgrund, vor dem ich kürzlich stand, wurde auch von einem Moment eingeleitet, in dem ich mit Gott, dem Universum, der Seele, oder wie auch immer du die ursprüngliche Energie des Lebens nennen möchtest, haderte und meine Hände in den Schoß legte. Lass alles sein! Ich spürte in mir eine Veränderung, deren Gestalt ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht fassen konnte. Es war mir nur klar, dass sich etwas verändert hatte. Meine Krankheit hatte mich an einen Punkt geführt, an dem ich mir absolut unsicher war, wie ich weiter vorgehen sollte. Die Möglichkeiten, die mir offen standen, erschienen mir beide nicht sonderlich erstrebenswert.  Zum einen konnte ich für eine lange Zeit hoch dosiert Kortison einnehmen, um die Sarkoidose stillzulegen. Vor Kortison hatte ich eine Heidenangst, denn ich habe sehr oft von extrem negativen Nebenwirkungen und auch bleibenden Schäden gehört, die durch das Medikament entstanden sind. Während meiner beiden Lungenentzündungen – die letzte war gerade mal ein Jahr her – hatte ich über jeweils zwei Wochen 20mg Kortison bekommen. Die Nebenwirkungen hatten sich angefühlt, als würde ich Gift schlucken. Anstatt zu helfen, ging es mir anscheinend schlechter. Gerade im Zusammenspiel mit der damals noch nicht festgestellten Sarkoidose fühlte ich mich nach der Einnahme des Kortisons wesentlich schlechter und kraftloser. Meine Lunge begann zu brennen und ich bekam noch weniger Luft. Und das die ganzen Wochen über, in denen ich Kortison nahm.

Nach dieser Erfahrung fand ich den Gedanken erschreckend, Kortison in über doppelt so hoher Dosierung für ein oder mehrere Jahre nehmen zu müssen. Das erhöht die Wahrscheinlichkeit von Nebenwirkungen natürlich noch um ein Vielfaches. 

Die Alternative bestand in einer dauerhaften Misteltherapie eines Alternativmediziners aus Berlin, die die Sarkoidose zwar nicht stillegt, jedoch die Auswirkungen abmildert. Dazu müsste ich allerdings den Rest meines Lebens oder zumindest etliche Jahre täglich Pillen schlucken und dreimal die Woche eine Spritze bekommen. Darauf hatte ich schon gar keine Lust. Vor allem, da die vielfältigen Symptome phasenweise trotzdem auftreten würden und die Lebensqualität immens einschränken. Bei Sarkoidose kann man nie voraussagen kann, wann ein solcher Schub auftritt, was das ganze Paket sehr unangenehm machte. Dabei sollte es jedoch keine bekannten, schlimmen Nebenwirkungen geben. 

Beide Varianten schienen mir nicht sonderlich erstrebenswert. Ich konnte mich einfach nicht entscheiden, doch ich musste, denn mein Aufenthalt in der Lungenklinik näherte sich dem Ende. Meine Ärztin brauchte meine Entscheidung, ob ich die von ihr vorgesehene Kortisontherapie in Anspruch nehmen wollte.

Ich überlegte lange hin und her und kam zu keinem Schluss. Also bat ich die Seele einfach, mir einen unübersehbaren Impuls zu senden. Der kam auch ohne Verzögerung: Sprich einfach noch mal ganz offen mit deiner Ärztin. Erkläre ihr deine Herausforderungen als Hochsensibler und die damit einhergehende feinere Reaktion deines Körpers auf Medikamente. Sollte sie dich wie Patient 0815 behandeln, dann lass es sein. Geht sie jedoch menschlich und emotional auf deine Bedenken ein und kann dir Vertrauen vermitteln, dann lass dich drauf ein. 

Also suchte ich das Gespräch. Mein Verstand malte sich vorher alle möglichen Szenarien aus. Überwiegend tendierte er zu Möglichkeit eins, dem Patienten mit der Nummer statt mit Persönlichkeit. Er war ziemlich überrascht über die Herzlichkeit und Empathie, das Verständnis und Mitgefühl der Ärztin. Sie nahm mich und meine Sorgen wahr und ernst. Wir sprachen über Nebenwirkungen und ihren Erfahrungen mit Patienten, die sie über die Jahre bei deren Therapien begleitet hatte. Ich fasste Vertrauen und am Abend nahm ich meine erste Kortison-Tablette. Am nächsten Tag waren alle meine Symptome verschwunden und blieben es bis heute. Es kamen ein oder zwei harmlose neue stattdessen, wie reduzierter Schlafbedarf. Die ersten sechs Wochen schlief ich nur noch 4 Stunden täglich und fühlte mich trotzdem fit. Als würde mein Körper die Zeit aufholen wollen, die ich in den letzten zwei Jahren im Bett und gezwungenermaßen ruhend verbracht hatte. Die andere ist ein veränderter Stuhlgang, der mich aber nicht weiter belastet und nicht schädlich ist. Die einzige Nebenwirkung, die mich stört: Ich bin jetzt Diabetiker, wahrscheinlich verursacht durch die Sarkoidose, die auch in der Bauchspeicheldrüse seltsame Zellen gebaut hat, wo sie nicht hingehören und die somit die Produktion von Insulin beeinflussen. Außerdem sorgen diese Zellen und der Heilungsprozess, den mein Körper seit drei Jahren auf Hochtouren betreibt, im Rest meines Körpers dafür, dass er das Insulin nicht so gut aufnehmen kann. Also messe und spritze ich nun täglich drei Mal und es macht mir nichts aus. Das Kortison war für mich die richtige Wahl, denn ich konnte zusehen, wie sich meine Hautstellen täglich veränderten und immer besser verheilten. Inzwischen sind sie nicht mehr sichtbar und nur noch zu fühlen. Es war, als hätte mein Körper schon lange auf genau diese Unterstützung durch das Kortison gewartet.

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In dem Moment, als ich die erste Kortisontablette nahm, dokumentierte ich der Seele gegenüber mein Vertrauen darauf, dass sich für mich alles zum Guten wendet. Und das tat es auch. Gleichzeitig öffnete sich meine Weite gegenüber meiner Seele ein beträchtliches Stück. Das war die Veränderung, die ich bereits vor dem Gespräch mit der Ärztin bemerkt hatte. Seitdem geht es mir jeden Tag besser, ich lasse einfach alles im Sein und folge meinen Seelenimpulsen. Ich habe alle Kontrollversuche abgegeben und verlasse mich darauf, dass meine Seele alles für mich regelt, da sie den größeren Überblick über mein Leben besitzt. Die meiste Zeit lege ich die Hände in den Schoß und tue gar nichts, außer ich bekomme einen Impuls, der mich dazu auffordert, etwas zu tun. Im Alltag sieht das so aus, dass ich mir überlege, was ich tun möchte an jedem Tag, aber nicht verbissen daran festhalte. Heutzutage führt anscheinend jeder erfolgreiche Mensch eine To-Do- oder GTD-Liste (getting things done) oder führt eine Methode zum Selbst- und Projektmanagement durch. Ich habe das auch öfter und jeweils eine ganze Weile probiert. Bei mir hat es nie funktioniert, obwohl mir gesagt wurde, ich sei ein gut strukturierter Mensch, der in logischen und geordneten Schritten die Dinge abarbeitet, die dran sind. Und genau da liegt der sprichwörtliche Hund begraben. Oft sind die Dinge, die ich erledigen möchte, einfach an dem Tag nicht dran. Am nächsten vielleicht auch nicht und am übernächsten ebenfalls nicht. Vielleicht kommt der Zeitpunkt für den zu erledigenden Punkt erst nächste Woche oder nächsten Monat oder nie. Also schaue ich, was von meiner Vorstellung vom jeweiligen Tagesablauf, auch wirklich eintritt. 

Mein Verstand dient nur noch der Erledigung der täglichen Tätigkeiten und es ist eine entspannende Ruhe in meinem Kopf eingetreten. Da ich mich schon längere Zeit bewusst hauptsächlich im Hier-und-Jetzt aufhalte, war mein Gedankenstrom schon ruhiger geworden. Seit meinem Pillenmoment befinde ich mich jedoch in einem Zustand des Friedens, der Liebe, der Dankbarkeit, der Demut und der Ruhe, den ich nicht für möglich gehalten habe. Alles was ich benötige kommt einfach zu mir, und zwar in einer Perfektion, die ich mir selbst nicht so vorstellen könnte. Es geschehen unglaubliche Dinge auf täglicher Basis und werden langsam zur neuen Normalität. Die Seele will im Grunde genommen immerzu das perfekte Leben für dich. In Zusammenarbeit mit dem gesamten Universum gibt sie dir immer das, was du gerade brauchst. Und von dem, was dir gefällt und was dir Spaß macht, bekommst du immer mehr. Der Einzige, der das verhindern kann bist du. Du bzw. dein Verstand sind diejenigen, die sich selbst im Weg stehen und die Geschenke des Universums und der Seele ablehnen können. Aus welchen Gründen ihr beiden das auch tut, sobald du alles im Sein lässt und einfach zulässt, dass du Geschenke bekommst, ohne sie kontrollieren und steuern zu wollen, kann die Seele dich auf ihre Art und mit ihren Möglichkeiten reich beschenken.

Seither ist mir ganz klar, weil ich es nicht nur weiß, sondern auch erlebt habe und erlebe, dass ich meinen Verstand nicht ganz abschalten oder Gedanken verdrängen oder unterdrücken kann. Es gilt, ein Gleichgewicht zu erreichen und ihm klare Zuständigkeiten einzuräumen. Und zwar diejenigen für die er schon immer gedacht war: Die täglichen und logischen Aufgaben erledigen, und bei der Umsetzung er Seelenimpulse in die Realität zu helfen. Außerdem ist er als Wächter und Sicherheitsberater wichtig. Der Unterschied zu diesem Status und dem vorher vorherrschenden ist wie ein freiheitlich demokratische Staat gegenüber einer Diktatur, in der die Polizei die Macht übernommen hat. Sie kontrolliert alles und ist lediglich auf absolute Sicherheit und Ordnung bedacht. Mit der alten Voraussetzung war der Verstand jedoch überfordert und spielte verrückt (wie er es ja jetzt eben bei fast allen Menschen tut). Das Leben bedeutet Veränderung und Entwicklung, was der Verstand als ein einziges Chaos wahrnimmt. Also mach es einfach und lass es sein. 

Folge deinen Seelenimpulsen und lasse den Verstand ein gleichberechtigter Teilhaber neben dem Körper und der Seele werden.