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Die Comics gibt es nur in der Taschenbuchausgabe

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2.7 Und jetzt: Die Auflösung

Lesedauer: 7 Minuten

Wolltest du je mit spiritueller Entwicklung oder Persönlichkeitsentwicklung in Berührung gekommen sein, wurdest du bestimmt schon mit dem Thema der Auflösung konfrontiert. Oft wird in diesem Zusammenhang von Heilung gesprochen. Du sollst die Unstimmigkeiten mit deinen Ahnen, deiner Familie, deiner Umwelt und mit dir Selbst auflösen. Deine Verletzungen sollen geheilt werden.

Ich selbst spreche eher von dem Vorgang des Loslassens, das wirkt stimmiger für mich. Denn dein ICH setzt sich, wie in den vorigen Kapiteln besprochen, aus allem zusammen, das du für dich festhältst. So ist es auch mit allen Unstimmigkeiten und Verletzungen. Bleiben wir zunächst bei dem Begriff des Auflösens. Wahrscheinlich stellst du dir bei dem Wort etwas vor, das sich in Luft auflöst und somit verschwindet. Bei dem Wort Heilung denkst du vielleicht an eine Wunde, die sich schließt und nicht mehr sichtbar ist. Eventuell bleibt noch eine Narbe zurück, die dich immer an die Ursache der Wunde erinnert. In diesem Zusammenhang haben Menschen zu mir von einer vernarbten Seele oder einem vernarbten Herzen gesprochen.

 Doch so funktioniert es in den allermeisten Fällen nicht. Stell dir vor, du bist Opfer einer körperlichen oder seelischen Misshandlung geworden. Für viele Menschen ist das keine Vorstellung, sondern Realität. Diese Misshandlung (Falschbehandlung) hinterlässt Spuren, die wir oft als Wunden oder Narben bezeichnen, entweder auf oder im Körper oder im Verstand. Die Seele kann nicht verletzt werden, da sie aus reiner Energie besteht. Dazu an anderer Stelle mehr. Der von den meisten geistlichen oder psychischen Seelsorgern verwendete Ausdruck des Seelenschadens bezeichnet eine tiefsitzende Störung im Unterbewusstsein. Sie löst emotionale, gedankliche und körperliche Beschwerden und (Fehl-)Reaktionen aus und betrifft damit die Gänze deines Seins in der materiellen Welt. Jegliche Verletzung durch Misshandlung kann nur schwer von außen geheilt werden. Du kannst sie oft nur ausblenden oder lernen, mit den Beeinträchtigungen zu leben. Eine Auflösung findet oft nicht statt. Was erlebt und durchlebt wurde, kann nicht wieder entlebt werden, ohne das Leben zu beenden. Es wird immer ein Teil von dir sein. Es gibt ein sehr kraftvolles Mittel, um mit deinen Verletzungen in Frieden zu kommen und gut damit leben zu können. Dieses Mittel setzt sich aus je einem Teil Liebe und Vergebung zusammen. Den Zusammenhang erfährst du im Kapitel Die vier Reiter der ApokaLiebe. 

Worum es mir jetzt geht, ist der Begriff der Auflösung an sich. Wenn du Persönlichkeitsentwicklung betreibst, sollst du dein falsches Money-Mindset (die Geld-Glaubenssätze) auflösen, um reich zu werden. Du sollst negative Vorstellungen auflösen, die dein Leben beeinträchtigen und dir im Weg stehen, damit du endlich zu deiner vollen Power gelangen kannst. Du sollst alle negativen Gefühle auflösen, die dich an der Erreichung deiner Ziele hindern. Du sollst alles, an das du bisher geglaubt hast hinterfragen, ob es dich in irgendeiner Weise belastet und deinen Weg zum Erfolg erschwert. Du sollst dich sogar von Menschen trennen, die dich nicht in deinem Weg bestärken und voranbringen oder keine Vorbilder für dich sind. Also deinen Glauben und deine Bindungen auflösen.

In der spirituellen Entwicklung sind es so ziemlich genau dieselben Mechanismen. Hier kommen noch die Altlasten der Familie und deiner Ahnen hinzu, die du mit dir herumschleppst. Diese kannst du in Familienaufstellungen oder durch zeitweise Verbindung mit deinen Vorfahren auflösen, indem du ihnen ihre Last, die sie dir aufgebürdet haben, zurückgibst. Ich habe das alles selbst ausprobiert und es hat nichts bewirkt. Nichts hat sich aufgelöst, nichts hat sich verändert.

Vor allem hat mich gestört, dass ich mich wochen- und monatelang damit beschäftigen sollte. Alte Gewohnheiten per NLP oder ähnlichen Methoden sollte ich umprogrammieren, als wäre ich ein Computer, in dem lediglich ein Programm abläuft. Leider hat mein chaotisches Wesen – dem ich sehr dankbar dafür bin – verhindert, dass all diese Äffchendressurmittel wirkten.

Was wirklich half, war die Erlangung des Bewusstseins über die Gewohnheiten und Sichtweisen meiner Familie, die ich ungeprüft übernommen hatte. Liebe und ehrliche Menschen zerrten diese Verhaltensweisen an die Oberfläche, indem sie mich fragten, warum ich etwas auf genau diese Weise tat und warum ich bestimmte Erwartungen an sie stellte. So wurde ich darauf aufmerksam, dass ich auch schädliche Handlungen und Gedanken meiner Eltern und Großeltern wiederholte, ohne darüber nachzudenken. Ich war es ja so gewohnt. In meiner Familie waren Menschen mit ungesunden und sogar (selbst-)zerstörerischen Verhaltensweisen vertreten, die an seltsame Dinge glaubten und diese auch durchsetzten. Es war also gut, nach und nach auf diese Dinge aufmerksam gemacht zu werden. Nicht einmal habe ich mich hingesetzt und mir diese Angewohnheiten durch Trainings abgewöhnt. Zur Veränderung dieser Gedanken und Handlungen genügte es, meine Aufmerksamkeit auf sie zu richten und sie noch einmal oder zweimal bewusst zu durchleben. Danach waren sie verschwunden. Allein das Bewusstsein genügte, um sie zu heilen und aufzulösen, oder wie ich es lieber nenne – die Themen loszulassen. Jedes Mal fragte ich bewusst danach, ob ich diese Handlungen und Gedanken noch benötigte. Die Antwort war in jedem Fall nein. So ließ ich nach und nach alle meine mitgeschleppten Herausforderungen aus der Vergangenheit los. Und jedes Mal fühlte ich mich ein wenig freier, leichter und ein Stückchen mehr im Frieden mit mir und der Welt.

Taschenbuch und E-Book

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Für das Thema Identifikation nutze ich auch gerne den Begriff des Loslassens. Alles, dem du anhaftest, hält dich im Umkehrschluss fest und belastet dich. Die Gedanken, Handlungen und Dinge, die du damit in die Welt bringst, bilden ein immer größeres Gewicht, das dein Leben nach unten drückt. Ein Beispiel aus deinem Besitztum: Du besitzt ein Haus mit einer tollen Einrichtung, das du noch abbezahlst und um dessen Pflege und Erhaltung du dich kümmern musst, dein Auto war teuer, in deinem Wohnzimmer steht ein riesiger Fernseher mit Surround-Lautsprechersystem. Du verfügst über ein Smartphone, einen Computer und ein Tablet, eine voll ausgestattete Küche mit Herd, Kühlschrank, Mikrowelle, Tiefkühlgerät, Küchenmaschinen. Du bist Fan einer Sportmannschaft und fährst mindestens zu jedem Heimspiel. Du willst einmal im Jahr eine Fernreise machen. Dein*e Partner*in und eure Kinder haben denselben Lebensstandard. Das sollte in Deutschland einen guten Durchschnitt der Bevölkerung beschreiben. Wandle Haus und Garten in eine Wohnung und Kinobesuche und kulturelle Unternehmungen in den Städten um, dann beschreibt es den durchschnittlichen Stadtbewohner. Du bist immer noch der Meinung, dass das alles dir hilft und dich unterstützt in dem Gedanken, wer du bist und wo dein Platz im Leben ist. Nun lass mal die Heizanlage und das Dach vom Haus kaputt gehen. Dein Auto wird gestohlen, dein Fernseher gibt den Geist auf, die Küchenmaschinen werden durch einen elektrischen Schaden zerstört, dein Smartphone fällt dir in den nächsten Gully. Egal was passiert, du wirst den Status deines Lebens, also die Anzahl deiner Geräte und den Zustand deines Besitztums erhalten wollen. Alles muss repariert oder ersetzt werden. Du bist wahrscheinlich versichert und bekommst einiges an Geld zurück. Doch der Aufwand der Neubeschaffung bleibt. Je mehr Dinge du um dich herum anhäufst, desto mehr musst du im Lauf der Zeit ersetzen, um deinen Standard zu halten. Du musst also mehr arbeiten und mehr Zeit dafür aufbringen, Geld zu verdienen. 

Je mehr Vereinen und Gruppen du angehörst und mit je mehr Menschen du dich identifiziert, desto mehr Aufwand musst du betreiben, um mit allen zurechtzukommen und alle in dein Leben zu integrieren. Vielleicht hast du schon einmal festgestellt, dass sich der Aufwand bei manchen Menschen oder Gruppen nicht lohnt. 

 Je mehr du besitzt, desto mehr Energie musst du aufbringen, um den derzeitigen Zustand beizubehalten. 

Da du dich mit den jeweiligen Menschen und Gegenständen oder Umständen identifizierst, bist du gedanklich und emotional an sie gebunden. Dieses Band zwingt dich Dinge zu tun, die du oft gar nicht tun willst.

Sowohl die Identifikation mit Menschen, als auch mit Gegenständen oder Umständen (»Ich will aber jedes Jahr zweimal ins Ausland verreisen! Wofür arbeite ich sonst so viel?«) schubst dich in ein Hamsterrad, das zum so genannten Burn-out führen kann. Nicht nur die Arbeit, die du leisten musst, um deinen Lebensstandard zu halten, sondern vor allem der psychische Druck, dem du dich aussetzt, sorgt für Depressionen, Antriebslosigkeit und Erschöpfung. Gegen diese Zustände gehst du dann radikal vor, indem du deine Bemühungen verstärkst.

Das Rad dreht sich deswegen immer schneller und der Druck wird gefühlt höher. Dadurch wird der Absprung immer schwieriger.

Das geschieht nicht nur mit Bindungen an Geräte, sondern auch mit Bindungen zu Menschen, die für dich gefühlt zu eng sind. Also Verbindungen, in denen du dich verantwortlich fühlst und in denen der Druck für dich gefühlt sehr groß ist. Verbindungen in denen du die Erwartungen der Menschen unbedingt erfüllen willst, egal was es dich kostet. Du bleibst auf jeden Fall in diesen Bindungen, selbst wenn sie dich körperlich oder gedanklich an den Rand deiner Gesundheit bringen. Auch das erzeugt ein schnell drehendes Hamsterrad. Wenn es dabei um das Leben und die Gesundheit von dir nahestehenden Menschen geht, ist es vielleicht noch irgendwie vertretbar. Eigentlich aber auch nicht. Keine Beziehung mit einem gesundheitsgefährdenden Grad der Belastung ist gut. Doch wird es bei Vereinen, Veranstaltungen oder Freizeitbeschäftigungen, mit denen du dich identifizierst und für die du deine Gesundheit schädigst, geradezu lächerlich. 

Dir sollte bewusst werden, dass du nicht nur jemand bist, oder etwas in der Gemeinschaft zählst, weil du etwas Bestimmtes für sie tust. Jede Gemeinschaft, oder jede Verbindung, die so funktioniert ist grundfalsch!

Du bist ja nicht mal die Summe deiner Gedanken und Handlungen. 

Du bist. Das reicht. 

Wer du bist ändert sich stetig.

Eckart Tolle eröffnete ein Buch mit der Frage: »Wer bist du?« Er sagte voraus, dass die Antworten darauf immer aus dem Namen, dem Alter, dem Wohnort, dem Beruf, den Hobbies und den Zugehörigkeiten besteht. 

»Wenn ich dir all das wegnehme, wer bist du dann?«, fragte er weiter. 

Stell dir vor, du wachst eines Morgens auf und hast nichts mehr. Dein Haus gehört jemand anderem, dein Auto steht noch beim Händler, dein Fernseher und die anderen Geräte hast du nie erworben, du weißt nicht mehr, wer deine Familie ist, wer deine Freund*innen sind. Du weißt nicht mehr, was du für deinen Lebensunterhalt tun musst, du weißt nicht mehr, welche Musik, Bücher, Sendungen, Filme, Vereine und so weiter du gut findest. Du weißt nicht mal mehr deinen Namen, dein Alter und wohin du gehörst.

Du hast nichts mehr, bis auf dich ganz allein.

Wer bist du?

Stell dir all das ganz intensiv vor. Fühle es. 

Kannst du das aushalten? 

Wer bist du?