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5.2 Alles Liebe oder was?

Lesedauer: 7 Minuten

Für die meisten Menschen ist Liebe das wohl wunderbarste Gefühl der Welt. Es wärmt das Herz und fühlt sich leicht und beschwingt an. Unbestritten ist es das wohligste Gefühl von allen. Fühlen wir Liebe, fühlen wir uns gut und wissen, dass wir Gutes tun.

Was ist diese Liebe eigentlich? Auch hier sind wir uns wohl einig: Sie ist das stärkste Element auf dieser Welt. Ohne Liebe wären wir Menschen bereits vor langer Zeit ausgestorben. Sie sorgt dafür, dass wir unsere Kinder nicht als die lästigen, kleinen, selbst zentrierten, egoistischen, quengeligen, weinerlichen, lauten, wütenden, ausrastenden, fordernden Wesen empfinden, die sie oft sind und direkt bei der nächsten Gelegenheit loswerden wollen. Sie lässt uns die Macken und Ecken unserer Familienmitglieder, Partner*innen, Freund*innen und Kolleg*innen ertragen. Wer schläft schon 50 Jahre freiwillig in der Nähe eines*r Schnarchers*in, der*die jede Nacht den gesamten Schwarzwald rodet? Wer macht gerne all die Gemütsschwankungen seiner*s Partners*in mit, die so gar nicht den eigenen entsprechen? Durch Liebe werden wir sensibler, toleranter, fürsorglicher und wohlwollender. Sie lehrt uns die Vergebung und das Mitgefühl.

Selbst das stärkste negative Gefühl kommt gegen Liebe nicht an.

Ein Wesen, das man einmal liebt, kann man nicht mehr entlieben. Es bleibt für immer in unseren Herzen, egal was auch passieren mag.

Nun frage ich mich, woraus diese Liebe besteht. Natürlich aus dem Gefühl und den mit ihr verbundenen Gedanken. Doch haben wir ja nun schon vorher festgestellt, dass Gedanken und Gefühle dem Verstand entspringen. Sie können nicht zuerst da sein und aus ihnen besteht Liebe ganz bestimmt nicht.

Wissenschaftler haben schon lange herausgefunden, dass biochemische Abläufe Liebe auslösen können. Es passiert viel durch unsere Pheromone und den Geruchssinn, genauso aber auch über das Gehör und die Augen. Alles zusammen soll bestimmen, wen wir lieben können und wie sehr. Das erklärt aber nur, wie Menschen Bindungen eingehen. Kinder duften wie die Eltern und Großeltern. Es gibt einen Familiengeruch, der alle Mitglieder verbindet.

Der Duft von potenziellen Partner*Innen ähnelt einander, weist aber so viele Unterschiede auf, um klar zu stellen, dass sie nicht miteinander in direkter Linie verwandt sind. Wir haben spätestens eine zumindest vage Vorstellung, ob ein Mensch für uns attraktiv aussieht, wenn wir vor ihm stehen. Und sobald dieser Mensch den Mund öffnet und spricht, wissen wir auch, ob wir die Stimme mögen und sie gern öfter hören wollen.

Wie finden wir Freund*innen?

Im Normalfall begegnen wir Menschen, die in uns ein Wohlfühlgefühl auslösen und mit denen wir uns gut verstehen. In manchen Fällen beschließen wir aus unerfindlichen Gründen, dass wir gemeinsam Dinge unternehmen möchten. Daraus entstehen dann eventuell anhaltende Freundschaften. So unterschiedliche Freundschaften, wie ich sie bisher geführt habe, mit so unterschiedlichen Menschen, stellt das Konzept der Duftstoffe, Gehör- und Sehwahrnehmungen in Frage.

Eine Bekannte brachte es auf den Punkt: »Im spärlich besiedelten, ländlichen Raum freundet man sich mit Menschen an, die man in einer Millionenstadt, bei so viel mehr Auswahl, nicht einmal näher angeschaut hätte.«

Um Liebe in ihrer Gesamtheit verstehen zu können, sollten wir einen Schritt zurücktreten und uns die Welt und die Existenz von allem einmal anschauen. Alles Materielle, also alles was in irgendeiner Weise messbar, fühlbar, sichtbar, hörbar, mit Atomen und Quarks versehen ist, besteht zum größten Teil aus reiner Energie. Die Zwischenräume zwischen Atomen und auch zwischen den kleineren Teilen, aus denen Atome bestehen, liegen im Verhältnis so weit auseinander, wie die Planeten, Sonnensysteme und Galaxien im Weltraum. Sie werden hauptsächlich durch Energie zusammengehalten. Außerdem bestehen Atome und Moleküle aus Energie in ihrer festen Form. Der Energieerhaltungssatz stellt fest, dass Energie immer erhalten bleibt, niemals vernichtet werden, sondern lediglich umgewandelt werden kann. Also ist alle Materie umgewandelte Energie. Alles im Universum besteht aus Energie. Somit besteht Liebe ebenfalls aus Energie. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass diese Energie das ist, was wir Liebe nennen. Denn was ist sonst die größte Kraft im Universum?

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Liebe ist also schon überall dort, wo du hinkommst.

Das bedeutet theoretisch, dass wir jegliche Liebewesen (und sogar alle unbelebte Materie) im Grunde genommen lieben. Vor einigen Jahren ist mir bei verschiedenen spirituellen, esoterischen und mystischen Lehrmeistern die Aussage begegnet, dass wir Liebe sind und Liebe unser grundlegendes Bedürfnis darstellt. Wir alle wollen lieben und geliebt werden.

Spreche ich über dieses Thema, werde ich jedes Mal gefragt, wie das wohl sein kann, weil man doch so viele Menschen oder Tiere nicht mal mag und leiden kann.

Irgendwann ist mir ein Gleichnis eingefallen, das den Unterschied zwischen der theoretischen Allliebe und dem praktischen Leben verdeutlicht.

Stell dir vor du triffst auf einen Menschen. Ihr sprecht miteinander und steht nun vor der Wahl, ob ihr mehr miteinander zu tun haben wollt oder nicht. Wie entscheidest du das? Nach deinem Bauchgefühl. Woraus setzt sich dieses Bauchgefühl zusammen? Aus den Bewertungen deiner bisherigen Wahrnehmungen der Erlebnisse mit allen vorher getroffenen Menschen. Du hast schon viele Menschen kennen gelernt und gemeinsam mit ihnen bestimmte Erfahrungen erlebt, die du beurteilt und entsprechend abgelegt hast. Auf diesen Erfahrungen aufbauend entscheidest du, wenn auch chemisch, optisch und akustisch alles passt, ob du dich auf diesen Menschen einlässt. Diese Erfahrungen umfassen übrigens auch alle Filme, Serien, Musik, Hörspiele, Hörbücher, Theaterstücke, usw, die du je gehört und gesehen hast, da das Gehirn auf der unbewussten Ebene dieser Entscheidungen keinen Unterschied zwischen Realität und Fantasie macht.

Die Entscheidung zu treffen, dich mit einem Menschen (oder auch Tier) anzufreunden, funktioniert in etwa so, als fände ein Archäologe eine von der Zeit mit Sand bedeckte Wohnstätte mit zwei Häusern. Sie sind mit allerlei Schichten aus Sand, Schlamm und Ton überlagert. Schicht für Schicht trägt der Archäologe alles ab, bis nur noch die Wände und das Dach auf flachem Grund stehen. Dann reinigt er die unordentlich herumliegenden Fundstücke. Töpfe, Glaswaren, Teller, Vasen, Möbel, Kunst- und Kulturgegenstände. Natürlich befindet sich in beiden Häusern eine andersartige Einrichtung und auch die Bauart der Häuser unterscheidet sich. Sorgfältig wird alles rekonstruiert, untersucht und bewertet. Der Archäologe lernt viel aus den verschiedenen Teilstücken und setzt sie wie ein Puzzle zusammen. Zum Schluss beurteilt er die beiden Gebäude und entscheidet, ob sie zusammenpassen, oder ob man sie lieber getrennt voneinander ausstellen sollte.

Nun ist die Frage, was liegt eigentlich unter den Häusern? Was bildet die Basis und das Fundament? Was haben beide Häuser auf jeden Fall gemeinsam, egal, woraus sie ansonsten gebaut wurden und welchen Stilrichtungen sie angehören?

Die Antwort ist einfach: Liebe. Sie stehen beide auf dem Grund der Liebe. Liebe ist ihr Fundament. Sie sind überall von Liebe umgeben.

Genauso verhält es sich im Leben. Treffen sich zwei Menschen, dann sind beide voll beladen mit Erfahrungen, Erlebnissen, Ängsten, Traumata, Triggerpunkten, Prägungen, Konditionierungen, Gewohnheiten, Vorurteilen, Träumen, Interessen, Lieblingsdingen und Dingen, die sie nicht mögen. Kurz gesagt, wir alle tragen tonnenweise Ballast mit uns herum. Während wir uns kennenlernen, tragen wir eine Schicht nach der anderen davon ab. Wir werfen Ängste, Vorurteile und Traumata über Bord, je mehr wir uns von dem Gegenüber gesehen, respektiert, gemocht und akzeptiert fühlen. Wir zeigen immer mehr von unserem wahren Selbst, so lange wir nicht auf Widerstände stoßen. Wir tragen immer mehr Ton, Schlacke, Schlamm und Sand ab. Wir fassen immer mehr Vertrauen, bis die Liebe zum Vorschein kommt und bis nur noch sie übrig bleibt.

Im täglichen Leben lässt sich dieser Gedanke und das Gefühl nur schwer fassen, dass wir eigentlich alle Liebewesen auf der Welt lieben. Vor allem, wenn die anderen entgegen unseren Eigeninteressen und Zielen handeln und uns im Weg stehen oder uns sogar negativ beeinflussen. Menschen, die dir schaden, kannst du doch gar nicht lieben. Menschen, die dich verletzen, quälen, manipulieren, ausnutzen, belügen, hintergehen, betrügen, enttäuschen, dir Gewalt oder etwas anderes antun, kannst du nicht mal leiden, geschweige denn lieben.

Das ist vollkommen normal, dachte ich. Dann traf ich auf Menschen, die ich sehr mochte und die mich ausnutzten, manipulierten, meinen guten Ruf zerstören wollten oder mich auf irgendeine Weise schlecht behandelten. Ihre Handlungen erstreckten sich teilweise über den Zeitraum mehrerer Jahre. Zwischen den einzelnen Attacken kamen wir immer wieder prima miteinander klar. Und auch wenn ich verletzt war, so merkte ich doch, dass ich diese Menschen immer liebte. Ich liebte sie in jedem Moment, sogar wenn ich verletzt oder enttäuscht war. Sobald sich das Gefühl legte, kam die Liebe wieder zum Vorschein. Ich konnte einfach nicht anders, obwohl ich die Wahl hatte, sie nicht zu lieben. Schlussendlich versuchte ich es mit Mitgefühl. Ich versetzte mich in diese Menschen hinein und fragte mich, was sie von mir brauchten.

Natürlich kam ich dahinter, dass auch ich dafür gesorgt hatte, dass sie mich so behandelten, wie sie es taten. Sie wollten eigentlich nur gesehen werden, die Wertschätzung ihrer Umgebung erlangen und geliebt werden. Dabei stand ich ihnen im Weg, weil ich ihre Kompetenzen durch meine Expertise und Erfahrung auf meinen Fachgebieten unterwanderte. Folgerichtig versuchten sie alles, um mich persönlich zu diskreditieren. Anstatt weiter gegen ihre hinterlistigen und verleumderischen Aktionen anzukämpfen, ging ich zu ihnen und gab ihnen das, was sie brauchten. Ich erkannte ihre Expertise und Kompetenzen auf ihren Fachgebieten an. Ich drückte ihnen meine ehrliche Wertschätzung für die Dinge aus, die sie wirklich gut konnten. In Wirklichkeit hatten wir gar nicht um dieselben Kompetenzen gestritten, sondern es ging ihnen rein um die Anerkennung und Bestätigung ihrer Selbst. Es war also gar nicht schwierig, ihnen das zu geben, was sie brauchten, sobald ich mich von meinem Weg der Rechtfertigung und der Verteidigung gelöst hatte und zu Mitgefühl und Verständnis gefunden hatte. Fortan kamen wir prima miteinander aus, sehr zum Verwundern derjenigen, die sich ebenfalls in meiner Situation befanden und denselben aussichtslosen Kampf gegen dieselben Menschen kämpften.

Was ich damit sagen will: Ich habe schnell herausgefunden, dass ich alle Menschen liebe, denen ich bisher begegnet bin und die ich kennenlernen durfte. Ich kann ihnen auf jeden Fall immer mit Respekt, Mitgefühl und Liebe entgegentreten. Ich kann jeden Menschen als Mensch lieben, auch wenn ich nicht mit seinen Handlungen, Meinungen, Einstellungen, Lebensweisen oder anderen Dingen einverstanden bin.

Wie weitreichend diese Erkenntnis für mich war, ergibt sich aus den nachfolgenden Kapiteln.