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5.3 Liebemonade

Lesedauer: 9 Minuten
Die Art der Liebe spielt gar keine so große Rolle. Für mich ist es eine Unterteilung in verschiedene Sorten wie Milch, Limonade, Saft, Kaffee, Tee, Kakao und Wasser. Alles besteht aus denselben Grundelementen. In allen Getränken ist der Hauptbestandteil reines, klares Wasser und zu einem winzigen Anteil kommen verschiedene Geschmacksrichtungen dazu. Nun kann man sagen, das sind alles Getränke, die dafür sorgen, dass mein Körper immer genügend Wasser bekommt und ich nicht verdurste. Da wir Menschen jedoch Weltmeister im Trennen, Kategorisieren, Klassifizieren und Ordnen sind, kann ich auch sagen:

Das ist aber Apfelsaft und das andere ist Guavensaft. Jenes ist aber Cola, dieses Orangenlimonade und das ist wiederum Zitronenlimonade.

Schwarzer Tee, grüner Tee und Kräutertee schmecken grundverschieden.

Die Unterteilungen helfen uns lediglich, schneller zu bestimmen, welche Getränke wir vor uns haben und ob wir sie mögen oder nicht.

Bei der Liebe unterstützen sie uns dabei Grenzen zu definieren. Deine Eltern hast du auf eine bestimmte Art und Weise zu lieben, deine Kinder ganz anders. Erotische Gefühle darfst du nur deiner*m Partner*in gegenüber fühlen.

Diese spezielle Mischung aus Liebe und anderen Gefühlen ist nur für deine Freund*innen angemessen.

Andere Arten sind dann für Kolleg*innen, Bekannte, Tiere, deine Hobbies und Lieblingsdinge und sonstige Dinge oder Beschäftigungen vorgesehen.

Du siehst, die Unterteilung der Liebe in verschiedene Arten entspringt wieder dem Trennungsgedanken und dient dazu, uns zu reglementieren. Natürlich haben diese Regeln absolut ihren Sinn. Doch leider sorgt die Unterteilung auch dafür, dass die meisten Menschen nur noch in diesen Kategorien denken. Sie können sich nicht vorstellen, dass alles ganz einfach dieselbe Liebe ist.  Dieselbe Energie, nur in verschiedenen Ausprägungen.

Zum Beispiel sind viele Menschen der Meinung, die bedingungslose Liebe existiere nur zwischen Eltern und Kindern. Doch das ist meines Erachtens falsch. Gerade die Liebe zwischen Eltern und Kindern ist von vielfältigen Erwartungen geprägt und an viele Bedingungen geknüpft. Es gibt zuhauf Eltern und (meist erwachsene) Kinder, die keinen Kontakt mehr miteinander pflegen, weil die Erwartungen nicht erfüllt werden können oder wollen.

Auch in der partnerschaftlichen Liebe bestehen im Normalfall Erwartungen und Bedingungen. Allein der Anspruch, dass der*die Partner*in niemand anderen sexuell lieben darf, ist sehr weit verbreitet. Dieser Anspruch ist auch begründet und doch gibt es viele Menschen, die freie Liebe in der Partnerschaft leben und sich nicht durch Ansprüche einschränken wollen. Außerdem sehen viele Menschen ihre Partner*innen als die Menschen an, die alle ihre Bedürfnisse stillen sollen. In manchen Partnerschaften ist der Erwartungsdruck so groß, dass das Zusammenleben von vornherein zum Scheitern verurteilt ist.

Ich kenne etliche Paare, die erst gut miteinander umgehen konnten, als sie sich getrennt hatten. Dabei haben sich alle Ansprüche an die Partner*innen aufgelöst und Leichtigkeit hat sich in der Beziehung eingestellt. Auch ich habe das erlebt.

Sobald man anfängt, die Arten der Liebe zu recherchieren, findet man auf Schlag zwischen drei und sieben:

Im antiken Griechenland wurden vier Arten der Liebe unterschieden:

1. Eros (Romantik, in einer Beziehung): Sexualität und körperliche Anziehung stehen im Vordergrund.

2. Storge (Familie und Gemeinschaft): Sie bezeichnet die Liebe zu den Eltern, Kindern, Geschwistern, Verwandten und zur Heimat.

3. Philia (Freundesliebe): In der Beziehung steht eine stabile Freundschaft im Vordergrund.

4. Agape (Liebe an sich): Meint die bedingungslose Liebe, aufopferungsvolle Liebe, Selbstliebe.

Dazu kamen dann noch vom Soziologen John Alen Lee:

5. Ludos (Eroberung): Es geht hauptsächlich um die romantische Eroberung.

6. Pragma (Zweckmäßigkeit):  Die Liebe gleicht einer Geschäftsbeziehung, bei der beide Partner*innen dasselbe Ziel haben.

7. Mania (Besessenheit): Beschreibt das starke Bedürfnis, von dem*r Partner*in geliebt zu werden.

Je länger ich suchte, desto mehr Geschmacksrichtungen fand ich. Man kann die Liebe so sehr unterteilen, dass man schon beinahe nicht genügend Namen dafür findet.

Bezeichnenderweise sind diese Kategorisierungen von Gedankenmenschen, Philosophen, Wissenschaftlern und Seelenheilverkäufern entwickelt worden – mit dem Verstand.

Die Sucht des Verstandes, alles bis in seine kleinsten Einzelteile zu zerlegen, ist ein weiterer Aspekt des Trennungsgedankens.

Als du geboren wurdest, warst du dieses winzige Liebewesen, das kaum etwas von der Welt mitbekam, vollkommen schutzlos und abhängig von der Liebe deiner Eltern. Du kanntest keine Angst, keine Bedenken, keinen Neid oder Hass. Du kanntest nur Liebe. Auch in den ersten Jahren deines Lebens gingst du voller Freude und Liebe mit den Menschen um dich herum um. Du wusstest nicht, dass dir Leid geschehen konnte.

Bis dir deine Umwelt langsam klar machte, dass die Welt voller Gefahren ist und eine lange Liste von Liebewesen dein Leben und dein Hab und Gut bedroht. Bereits aus Kindergeschichten lerntest du, wer gut ist und wer böse. Du lerntest, wen du lieben darfst und wen du besser nicht lieben solltest. Dann brachte man dir bei, die Liebe in verschiedene Kategorien zu unterteilen und sie sogar in der Stärke zu regulieren.

Das glaubst du nicht? Soll ich dir Beispiele nennen?

Deine Eltern brachten dir bei, dass du ihnen immer vertrauen kannst und sie dich lieben, egal was passiert. Zumindest, wenn du Glück hattest. Auf jeden Fall brachten sie dir bei, dass du sie ohne Einschränkungen lieben darfst. Deine Geschwister darfst du ebenfalls ohne Einschränkungen lieben, denn sie sind Familie und werden dich im Kampf gegen jeglichen Unbill des Lebens unterstützten. Jedoch darfst du in beiden Fällen keine romantishe Liebe empfinden. Je weiter sich die Familienbande verdünnen, desto weniger Liebe geziemt sich, den Menschen entgegenzubringen. Da gibt es vielleicht noch die Lieblingstante und den Lieblingscousin, doch dann hört es beinahe schon auf. Dem Rest der Familie kann man auf jeden Fall Zuneigung entgegenbringen. Hier haben wir schon das erste Ersatzwort für Liebe.

Wahre und gute Freund*innen liebt man wieder auf eine andere Art. Freundschaften basieren auf gegenseitigem Vertrauen, ohne dass eine verwandtschaftliche Bindung besteht. Niemand garantiert dir, dass der*die Freund*in für dich da ist, wenn du ihn oder sie benötigst, doch du vertraust fest darauf. Man erlebt einiges, was zusammenschweißt. Dir ist trotzdem bewusst, dass Freundschaften zeitlich begrenzt sein können. Im Gegensatz zu familiären Bindungen, die bis zum Tode halten sollten, kann ein simpler Ortswechsel bereits zu einem Ende der Freundschaft führen. Ein neuer Job in einer neuen Stadt kann ausreichen, um die freundschaftliche Liebe erlöschen zu lassen. Ein Streit oder Vertrauensbruch kann sie beenden.

Natürlich geschieht es oft, dass auch Familienbande zerschlagen werden. Hier muss im Normalfall jedoch viel mehr geschehen, als bei einer Freundschaft und es ist wahrscheinlicher, dass man sich irgendwann einmal wieder versöhnt. Andererseits können auch Freundschaften fester werden, als es ein familiäres Verhältnis sein könnte. Gerade wenn eine unstabile familiäre Vergangenheit vorliegt, entscheiden sich Menschen oft dafür, dass der Freundeskreis wichtiger ist, als die Familie.

Dann gibt es da noch die Liebe zu den Bekannten und zur Kollegenschaft. Hier spricht man nicht mehr von Liebe, sondern von Sympathie und benutzt eher das Wort mögen.

Haustiere oder auch Nutztiere erwecken wiederum eine andere Art der Liebe. Man kümmert sich um das Tier und bekommt dafür Liebe zurück. Viele Menschen stopfen mit der Liebe von Tieren ein Loch, das ein anderes unerfülltes Bedürfnis nach Liebe hinterlassen hat. Manche Menschen knüpfen tiefe und feste Bindungen zu ihren Haustieren.

Eine ganz andere Liebe ist die zu Objekten. Manche Menschen lieben Objekte mit voller Inbrunst und sogar mehr, als sie die Menschen um sich herum lieben. Normalerweise ist die Liebe zu Objekten weniger intensiv, als die Liebe zu den Menschen. Auch wenn man sagt, man liebe sein Auto oder sein Smartphone oder seinen Fernseher, ist das nicht in dem Umfang gemeint, wie die Liebe zur Familie oder zu Partner*innen.

Wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat, beginnt die Sehnsucht nach einem*r Partner*in.  Lieder und Geschichten und die meisten Menschen um dich herum bringen dir bei, dass dein*e Partner*in dich ergänzen, deine Unzulänglichkeiten ausgleichen und deine Bedürfnisse erfüllen soll. Nur mit ihm oder ihr zusammen wirst du zu einem ganzen Menschen. Bisher warst du ja schließlich nur ein halber Mensch. Oder wie war das? Hast du dich vorher in der Kindheit nur als halben Menschen empfunden? Manche Kinder verlieben sich bereits mit fünf oder sechs Jahren, weil sie gehört haben, dass man verliebt sein müsse. Sie empfinden sich trotzdem als ganzes Wesen. Wann beginnt das Gefühl, nur mit Partner*innen ein Ganzes zu bilden? Mit der Pubertät oder wenn dir erzählt wird, dass es so sein muss?

Partner*innen liebst du selbstverständlich wieder ganz anders, als alle bisher aufgezählten Gruppen. Bei Partner*innen kommt eine sexuelle Komponente hinzu. Du möchtest begehrt werden und begehrst deine*n Partner*in. Ihr strebt ein gemeinsames Leben an, voller Vertrauen in den anderen Menschen, dass dieser all eure Sehnsüchte errät oder erkennt und auch erfüllt. Diese Liebe kann sehr tief gehen, jedoch auch sehr verletzend sein. In vielen Fällen kommt sie zu einem abrupten Ende, sobald einer feststellt, dass die Erfüllung seiner Bedürfnisse nicht mehr gegeben ist oder ein anderer Mensch sie besser erfüllen kann.

Taschenbuch und E-Book

findest du hier.

Alle diese Arten der Liebe sind begrenzt. Sie hängen davon ab, ob verschiedene Bedingungen erfüllt werden. In der Familie, Partnerschaft und im Freundeskreis sind die Erwartungen sehr hoch. Du erwartest Geborgenheit, Sicherheit, Hilfe, Unterstützung und Unversehrtheit von Körper, Verstand und Seele. Sobald sich jedoch die Enttäuschungen häufen und die Verletzungen wachsen, wird die Liebe immer mehr belastet. Sie schwindet, bis sie anscheinend nicht mehr vorhanden ist. An diesem Punkt scheint nichts anderes zu helfen, als den Kontakt zu verändern oder abzubrechen. Die Liebe ist erloschen. Vielleicht ist gerade so noch eine abgeschwächte Art der Liebe möglich. »Lass uns doch Freund*innen sein.« Vielleicht hältst du noch lose Kontakt und sprichst über oberflächliche Themen, bei denen du nicht verletzt werden kannst. Vielleicht hoffst du, dass die Liebe mit der Zeit wieder wächst, wenn die Wunden verheilt und die unerfüllten Erwartungen (deine Hoffnungen) vergessen sind.

Im Gegensatz zu diesen begrenzten Arten der Liebe gibt es noch den Heiligen Gral der Liebe, nach dem so viele Menschen streben: die bedingungslose Liebe.

Jedes Mal, wenn ich darüber spreche, ganz unbedarft und ohne Erwartungen, wird mir entgegengehalten, dass es diese Liebe nur zwischen Mutter und Kind gäbe. Sonst nirgends. Es scheint unvorstellbar, bedingungslos zu lieben, solange man nicht Mutter Theresa oder gar Jesus ist. Einige Menschen verwechseln die bedingungslose Liebe auch mit Selbstaufgabe, Unterwürfigkeit, Abhängigkeit und ähnlichem. Doch hat das eine nichts mit dem anderen zu tun.

Die bedingungslose Liebe ist unendlich. Sie kennt keinen Anfang und kein Ende. Vollkommen gleichgültig, was da kommen mag, du wirst lieben. Womit auch immer du konfrontiert sein wirst, du wirst lieben.

Eine Mutter liebt ihr Kind und dabei ist gleichgültig, was dieses Kind tun wird. Selbst, wenn das Kind sich von ihr abwendet, wird sie es immer noch lieben. Auch hier gibt es Ausnahmen und Gegenbeispiele. Allerdings hat es die Natur so eingerichtet, dass wir Menschen uns für unsere Kinder aufopfern, damit sie ein gutes Leben haben können.

Doch ist es wahr, dass es nur diese eine Form der bedingungslosen Liebe gibt, die wir erreichen können? Ist es wahr, dass ich als Mann schon einmal ausgeschlossen bin, von der bedingungslosen Liebe? Wieso gibt es so viele Menschen, die ihre Liebe anderen Menschen schenken, ohne eine Gegenleistung zu erwarten oder Bedingungen zu stellen?

Das wirft die Frage auf, was bedingungslose Liebe überhaupt ist.

Bedingungslose Liebe begrenzt nicht, sie hält nicht zurück, sie gibt, ohne zu erwarten, sie vertraut endlos und unterstützt ohne Gegenleistung.

Echte Liebe stutzt nicht die Flügel, sondern sorgt für gute Winde.

Bedingungslose Liebe fordert keine Opfer, denn es sind nie Opfer nötig. Niemand muss um Liebe kämpfen, sie ist von ganz allein da. Liebe kennt keine Einschränkungen, sondern nur die Freiheit aller. Um es mathematisch auszudrücken: In der Liebe gibt es nur Addition und Multiplikation. Sie ist nicht teilbar und von Liebe kann nichts abgezogen werden.

Liebe ist ohne Anfang und Ende. Sie ist immer schon überall dort, wo du hinkommst.

Allerdings sollte Liebe auch immer in die Praxis umgesetzt werden.

In seinem Buch »Das Meer weist keinen Fluss zurück«, schreibt der deutsche Vorsteher eines japanischen Zen-Klosters Abt Muho: »Liebe ist nur etwas wert, wenn sie auch bei dem anderen ankommt.«

Also egal, welche Geschmacksrichtung der Liebe du gerade erlebst, versuche sie auch den Empfänger spüren zu lassen, denn sonst ist sie vergebene Liebesmühe.

Genau genommen ist die bedingungslose Liebe die einzige Art der Liebe. Sobald an Liebe Bedingungen geknüpft werden, ist sie keine Liebe mehr, sondern Erwartung. »Ich liebe dich nur, weil du mein Kind bist.« »Ich liebe dich nur, wenn du tust, was ich dir sage oder von dir erwarte.« »Ich liebe dich nur an Sonnentagen, aber nicht, wenn es regnet, neblig oder windig ist oder schneit.« »Ich liebe dich nur, wenn wir Sex haben.« »Ich liebe dich, sobald…, wenn…, unter der Bedingung…« ist keine Liebe.

Entweder ich liebe dich, oder eben nicht. Bei jeder »Pseudoliebe« mit Bedingungen, wird diese Bedingung irgendwann nicht mehr erfüllt, darauf kannst du wetten. Das ist zwangsweise so, denn du wirst irgendwann jede mögliche Enttäuschung erleben. Sprich mal mit Kindern, die keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern haben, oder nur noch sehr losen Umgang, weil es sich eben in Familien so gehört. Sie haben irgendwann die Nase voll, nur geliebt zu werden, wenn sie so sind, wie die Eltern sich das vorstellen. Sie haben keine Lust mehr, artig zu sein. Menschen haben irgendwann keine Lust mehr, sich so zu verhalten, wie es von ihnen erwartet wird, nur um geliebt zu werden. Menschen haben irgendwann keine Lust mehr, um Liebe zu kämpfen, wenn sie begreifen, dass es Liebe anderswo einfach so umsonst gibt und sie ihnen auch ohne Kampf geschenkt wird.

Also wird jede Liebe mit Bedingungen und Ansprüchen auf jeden Fall enttäuscht. Das ist nur menschlich und logisch.

Aber die Enttäuschung ist ein großartiges Geschenk, denn sie bedeutet das Ende der Selbsttäuschung.

Zudem ist es unmöglich, dass Liebe schwindet, sich verringert oder stirbt. Wir schichten lediglich neuen Ballast auf ihr auf und verdecken sie wieder.