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5.6 Mit fühlen und handeln

Lesedauer: 4 Minuten

Das wichtigste Instrument im Orchester der Liebe ist das Mitgefühl. Ich stelle mir Mitgefühl als praktische Liebe vor. Mit sich selbst und mit anderen zu fühlen ist die Basis für Verständnis und Akzeptanz. Mitgefühl verdrängt zum Beispiel die Angst vor Fremden, denn wen man versteht, der ist nicht fremd. Mitgefühl lässt uns handeln. Wir stellen fest, woran es fehlt und versuchen, den Mangel zu beseitigen. Mitgefühl sorgt dafür, dass die Liebe, die du empfindest, wirklich beim Empfänger ankommt. Auch wenn du dies selbst sein solltest.

Empathisch begabte Menschen fühlen automatisch mit. Sie können sich ohne Anstrengung oder Nachdenken in andere Menschen hineinversetzen und ihre Gefühle und Gedanken erraten, weil sie selbst ein so großes Spektrum an Gefühlen und Gedanken besitzen, dass es ihnen leicht fällt, andere nachzuvollziehen.

Da wir alle anders sind, und es etliche Menschen gibt, denen es schwerer fällt, sich in andere hinein zu versetzen, möchte ich kurz erläutern, wie es mit nur wenig Empathiebegabung gehen kann. Erst einmal verstehen wir, dass alle Menschen unterschiedlich sind und jeder seine eigene Mischung aus Bedürfnissen, Ängsten, Vorlieben, Abneigungen und Ecken und Kanten hat. Niemand ist so wie du. Also lerne die Menschen kennen. Je besser du sie kennst, desto besser kannst du erfassen, wie sie auf bestimmte Situationen reagieren. Frage dich immer, wie du dich in so einer Situation fühlen würdest. Nun kommt der schwierige Teil. Viele Menschen handeln so, wie sie gerne in einer Situation behandelt werden würden. Sie stülpen ihre Bedürfnisse und Sichtweisen dem anderen einfach über. Das ist dann gut gemeint, aber gut gemeint tut nie gut. Mitgefühl geht tiefer. Denke nicht darüber nach, wie du gerne in dieser Situation behandelt werden würdest, sondern versuche herauszufinden, was genau der andere in dieser Situation wirklich braucht. Sprich mit ihm und frage ihn das. Beim ersten Mal kann es passieren, dass der andere seine Bedürfnisse selbst nicht kennt, weil er noch nie wirklich darüber nachgedacht hat, was er braucht. Dann wirkt deine Frage Wunder, denn er bekommt den Anstoß dazu, über sich und seine Bedürfnisse nachzuforschen. Sobald du eine Antwort bekommst, akzeptiere sie. Interpretiere nichts hinein oder denke, dass der andere mit seinem Bedürfnis falsch ist. Meistens finden wir Bedürfnisse bei anderen falsch, die wir nicht befriedigen können.

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Ein Beispiel: Ich bin es aus meiner Umgebung gewohnt, dass jeder getröstet werden will, wenn ein Ungeschick passiert und er oder sie sich erschreckt oder verletzt oder traurig ist. Ich traf auf einen Menschen, der das nicht wollte. Ich war zunächst völlig verdattert, weil ich den Menschen trösten wollte und der mich abwies. Ich fühlte mich falsch und versuchte herauszufinden, warum der andere sich nicht trösten lassen wollte. Dieser Mensch erklärte mir, dass er mit der Trauer oder dem Schmerz erst einmal allein sein möchte, um ihn ganz und gar durchleben zu können. Andere Menschen würden dabei nur stören, sobald sie zu nahe kämen. Zu einem späteren Zeitpunkt würde der Mensch schon von selbst kommen, wenn Trost vonnöten war. Ich fand das ungewöhnlich und äußerte das auch. Ich versuchte auch beim nächsten Mal aus Gewohnheit zu trösten. Leider war nun bei dem anderen Menschen hängen geblieben, dass ich seine Reaktion ungewöhnlich fand, also fühlte er sich falsch. Ich wurde wieder abgewehrt. So fühlten wir uns beide falsch. Ein Streit entbrannte. Nachdem sich die Wogen wieder geglättet hatten, erklärte mir der Mensch sein Bedürfnis erneut. Er sagte, dass er sich falsch fühlen würde, wenn ich versuche, ihn zu trösten. Er fühlte sich, als wäre er unnormal oder krank, weil er nicht sofort getröstet werden wollte. Ich sagte ihm, dass ich mich falsch und abgewiesen fühlte und dass es bei mir eine reine Reaktion gewesen sei, ein Impuls. Diesmal verstand ich das Bedürfnis des Anderen und konnte es akzeptieren. Genauso verstand der andere mich und akzeptierte es ebenfalls. Von da an reagierte ich nicht mehr mit einem Trostversuch, sondern blieb einfach still in der Nähe. Ich stülpte das, was ich gerne hätte, wenn ich traurig oder verletzt wäre, nicht mehr über den anderen. Und später kam der Andere dann tatsächlich zum Trösten, wenn es für ihn an der Zeit war.

Genau diese Einsicht und Akzeptanz hat mir gezeigt, wie Mitgefühl wirklich funktioniert. Es geht darum herauszufinden, was ich und was ein anderes Wesen – also wir beide und das ist wichtig – in genau der jetzigen Situation benötigen, um sich wohl zu fühlen und das zu erleben, was gerade dran ist. Wichtig ist zu achten, was du selbst brauchst, das ist der Teil Selbstliebe im Mitgefühl. Du hast ebenfalls Bedürfnisse, nicht nur derjenige, mit dem du fühlst. An dir ist es zu entscheiden, ob du das Anliegen des Anderen ermöglichen kannst und auch willst.

Mir verdeutlicht diese Handlungsweise immer wieder, wie unterschiedlich wir Liebewesen sind und wie unterschiedlich unsere Bedürfnisse.

Mitgefühl hat nichts mit Mitleid zu tun. Mit jemandem leiden ist niemals notwendig und auch niemals gut. Wenn du in demselben Leid versinkst, wie ein anderer, kannst du ihn nicht dabei unterstützen dieses Leid hinter sich zu lassen. Mitgefühl hilft dir im Gegensatz dazu dabei sogar sehr. Finde heraus, was das Leid verursacht und wie du dabei helfen kannst, das Leid zu mildern oder zu beseitigen, und dann handle entsprechend.

Mitgefühl dient niemals zum Selbstzweck, es lässt dich immer handeln. Auch eine unterlassene Handlung ist eine Handlung, so lange sie bewusst unterlassen wird, wie in meinem Fall das Unterlassen des Tröstens.

Man könnte auch sagen: Mitgefühl erzeugt Mithandlung.