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5.8 Bammel, Schiss und Muffensausen

Lesedauer: 8 Minuten

Angst ist das Schlimmste, das ich je erlebt habe. Manchmal war es sogar die Angst vor der Angst, die mich erschreckte.

Unsere 92,5% negativer Gedanken täglich erzeugen jede Menge Angst in allen möglichen Geschmacksrichtungen.

Todesangst, Zukunftsangst, Angst vor Krankheiten, Versehrtheit und Schmerzen, Angst vor Kontrollverlust, Angst vor Veränderung, Angst vor Stillstand, Angst vor Langeweile, Angst vor dem Unbekannten, Angst vor Tieren, Angst vor Menschen, Angst vor Verlust des Eigentums oder von geliebten Menschen oder Tieren, Angst vor der Dunkelheit und den darin lauernden Gefahren, Angst vor Höhe, Enge, Weite, Tiefe. Ängste gibt es viele. Einige habe ich stärker empfunden als andere. Viele besitze ich gar nicht.

In meinem Leben habe ich viele Unfälle, Verletzungen, Krankheiten selbst erlebt oder bei anderen miterlebt. Ich habe bereits im Kleinkindalter – kaum dass ich bewusst denken konnte – geliebte Menschen verloren und seitdem immer wieder, genauso geliebte Tiere. Ich habe mich von dem Ort trennen müssen, an dem ich aufgewachsen bin und von all meinen Spielzeugen und Büchern. Mit einher kam die Trennung von Familienmitgliedern und Freund*innen, als wir ans andere Ende Deutschlands zogen und beinahe alle Verbindungen kappten. Freund*innen verließen später meinen neuen Wohnort, um zu studieren oder Arbeit zu finden. Andere stellten sich als falsch heraus und wieder andere entwickelten sich in andere Richtungen und wir passten nicht mehr zueinander. Natürlich fand ich eine neue Familie und neue Freund*innen. Doch es war ein steter Wechsel damit verbunden. Ich lebte ganz allein, in Wohngemeinschaften und mit Partnerinnen zusammen. Ich war viel in Deutschland  und ein paarmal im Ausland unterwegs. Ich habe viele ungewöhnliche Menschen kennengelernt und viele ungewöhnliche Situationen erlebt. Einige Dinge habe ich sehr intensiv betrieben und andere komplett vernachlässigt. Beides hatte Folgen. Die meiste Zeit in meinem Leben besaß ich Ängste. Ich war depressiv, litt jahrelang unter Schlafproblemen und  immer wieder unter Angstattacken.

Eines Tages hatte ich die Nase komplett voll. Damals hatte ich das Gefühl, von meinen Ängsten kontrolliert zu werden. Als ich abends im Bett lag, dachte ich mir, wie gut es wäre, alle meine Ängste zu überwinden und sie loszuwerden.

Die nächsten zwei Wochen waren mit die schlimmsten meines Lebens. Es ging fast alles schief, was schief gehen konnte. Ich durchlebte sehr viele meiner Ängste am laufenden Band nacheinander und immer im Wechsel. Dabei schaute ich diesmal ganz bewusst dabei zu, was sie mit mir machten. Innerlich trat ich jeweils einen Schritt zurück. Möglichst genau erforschte ich, was passierte, fühlte hin und analysierte, wozu die jeweilige Angst gut war. Schließlich fragte ich mich, ob ich sie noch benötigte. Es war ein bisschen wie das bewusste Aussortieren von Dingen vor oder nach einem Umzug.

Mit einem Mal war der ganze Spuk vorbei und im Grunde genommen war gar nichts Schlimmes passiert. Die meisten Dinge hatten nur in meinem Kopf stattgefunden. Sie waren keine bloße Einbildung. Ich hatte einfach auf alle möglichen Situationen mit Angst reagiert. Objektiv gesehen hätte ich genausogut ruhig bleiben und abwarten können, was wirklich geschieht. Es stellte sich immer wieder heraus, dass keine der befürchteten Konsequenzen oder Folgen eintraten.

Als Ergebnis kam heraus, dass die meisten meiner Ängste sich aufgelöst hatten. Sie verschwanden in dem Moment, in dem ich feststellte, dass ich sie gar nicht mehr benötigte. Übrig blieben nur zwei große Ängste: Zukunfts- und Todesangst.

Wer meine Geschichte gelesen hat, kann sich denken, was nun kommt.

Bedingt durch den Stress bei der Arbeit und einer bakteriellen Entzündung wurde ich krank. Meine Ärzte rieten mir, meinen Job aufzugeben, da ich direkt in ein Burn-out schlitterte und auch meine körperliche Gesundheit sehr litt. Ich war zwar nicht todkrank, aber Schmerzen, Kraftlosigkeit, Antriebslosigkeit und sonstigen Symptome erschwerten mein Leben zeitweise so, dass ich nur noch im Bett liegen konnte. Selbst der Gang zur Toilette glich in dieser Zeit oft einem Marathon. Für mich als aktiven Menschen war es schon eine sehr große Herausforderung, zur absoluten Ruhe verdonnert zu sein.

Dazu kam dann die Aussicht den bombensicheren und gut bezahlten Job zu kündigen. Die Entscheidung zwischen Job und Gesundheit fiel mir nicht schwer. In meiner Vorstellung  fand ich schnell einen für mich passenden Arbeitsplatz, in dem ich im Home-Office arbeiten konnte. Jedoch war ausgerechnet die IT-Branche in Deutschland zu jenem Zeitpunkt noch nicht so weit. Selbst nach einem Jahr und unzähligen Gesprächen mit Jobvermittlern und Bewerbungsgesprächen bei Firmen im ganzen Land fand ich nichts. Meine Zukunftsangst machte mir immer mehr zu schaffen. Ich entscheid mich einfach so, dass ich keine Lust mehr darauf hatte. Statt der Angst immer wieder nachzugeben, wollte ich lieber in mich und meine Zukunft vertrauen. Also konzentrierte ich mich auf meine Genesung. Ab diesem Moment überschlugen sich die Dinge. Von der Arbeitsagentur bekam ich ein Attest, laut dem ich nur noch im HomeOffice arbeiten konnte. Mein Hautarzt diagnostizierte die Sarkoidose und überwies mich an meinen Lungenarzt. Der überwies mich in eine Lungenklinik, wo ich komplett durchgecheckt wurde. Ich bekam eine Therapie verordnet, die mich innerhalb eines halben Jahres gesunden ließ. Das Arbeitsamt bewilligte mir eine Umschulung für den Beruf, den ich nebenbei schon seit Jahren parallel ausübte. Ich interessierte mich für Grafik- und Websitedesign und war schon eine Weile dabei, mir privat Kenntnisse darüber anzueignen. Als erster Umschüler meiner IHK durfte ich die Ausbildung im HomeOffice durchführen.

Mit dem Ende meiner Therapie verschwand sowohl die Krankheit als auch meine Zukunftsangst. Seitdem vertraue ich darauf, dass das Leben immer weiter geht und sich alles zu meinen Gunsten und damit auch zu den Gunsten aller um ich herum verändert.

Gleichzeitig mit all diesen Geschehnissen durfte ich auch meine Todesangst durchleben. Während der Krankheit wachte ich drei Nächte hintereinander auf und bekam keine Luft mehr. Der absolute Horror jedes Alleinlebenden wurde wahr. Ich konnte nicht atmen, also auch nicht telefonieren. Ich schaffte gerade mal den Weg ins Badezimmer, wo ich versuchte, mich zu übergeben. Es funktionierte nicht. Ich wusste vom Arzt, dass Atemstillstand bei einer Sarkoidose vorkommen kann, da sie ja fast immer die Lunge in Mitleidenschaft zieht. Ich versuchte also, mein Asthma-Notfallspray einzunehmen, doch es drang nichts in die Lunge ein. Mir wurde schwindelig und schwarz vor Augen. Ich musste mich hinsetzen, da mich die Kräfte verließen. Ich wusste, dass ich nicht mehr viel Zeit hatte und dass niemand zur Rettung kommen würde.

In meinem Kopf stellte sich mit einem Mal ein seltsamer Frieden ein und meine Gedanken ebbten vollkommen ab. Ich erkannte voller Erstaunen, dass ich doch ein gutes Leben geführt und im Großen und Ganzen alles erlebt hatte und erledigt hatte, was ich mir vorgenommen hatte. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass diejenigen Menschen, die vor dem Tod Angst haben, nur befürchten, dass sie nicht alle ihre Ziele erreicht hatten und sich niemand nach ihrem Ableben an sie erinnern würde. So kam es mir auch jetzt vor. Ich war zufrieden oder im Frieden mit mir und würde ruhig gehen können.

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Genau in diesem Moment bekam ich wieder Luft und hustete mir erst einmal die Lunge aus dem Leib.

Exakt dasselbe wiederholte sich in den nächsten beiden Nächten. Jedes Mal fiel es mir leichter, zur Ruhe zu kommen und mir meine Todesangst genauer anzuschauen. Jedes Mal genau in dem Moment, als ich meinen Frieden fand und mit dem Leben abschloss, bekam ich wieder Luft.

Eine Untersuchung auf Schlafapnoe fiel negativ aus. Der Lungenarzt meinte, er hätte schon öfter von solchen Vorkommnissen gehört und gelesen und riet mir, erst einmal bei meiner Lebensgefährtin zu übernachten. Leider konnte ich das in den beiden folgenden Nächten nicht, da in ihrem Haushalt jemand an einer bakteriellen Erkältung litt und ich mich nicht anstecken durfte. Als ich dann bei ihr übernachtete, schlief ich seelenruhig durch, wie in jeder Nacht seitdem, auch wenn ich allein schlafe.

Gewiss lebe ich nicht vollkommen angstfrei. Jedoch weiß ich mit meinen Ängsten umzugehen. Sie lähmen mich nicht mehr und halten mich nicht vor Handlungen zurück, die mir entsprechen. Mein bewusster Umgang mit ihnen erleichtert mir das Leben enorm. Immer wieder stellt sich im Nachhinein heraus, dass alle Ängste nur aufgrund von Vorstellungen in meinem Kopf entstehen.

Ich sehe meine Ängste nicht mehr als Warnschilder davor, in die Richtung zu schauen und zu gehen, wo ich sie verspüre. Vielmehr nutze ich sie als Hinweisschilder, mir genau anzuschauen, was passiert, wenn ich die Wege trotzdem beschreite.

Natürlich gehe ich nicht mehr Risiken ein, als ich für richtig halte. Ich bin immer noch nicht Fallschirm oder Bungee gesprungen oder mit einem Raketenschlitten die Alpen hinuntergerodelt. Das entspricht mir einfach nicht.

Allerdings war ich inzwischen schon auf einigen höheren Gebäuden und habe mich meiner Höhenangst gestellt. Da sie sich sofort und stark körperlich auswirkt, fällt es mir immer noch sehr schwer, die Aussicht zu genießen.

Angst ist also für mich nichts mehr, vor dem ich Angst haben muss. Sie ist eine Freundin, dich ich manchmal ernst nehme und manchmal einfach übersehe, weil ich merke, dass sie nur Quatsch macht und mich ärgern will.

Seitdem ich weniger Angst empfinde, kommt immer mehr Liebe zum Vorschein. Das stelle nicht nur ich fest, sondern auch die Menschen in meiner Umgebung, die es nun zu spüren bekommen.

Für viele Menschen ist die Angst vor dem Unbekannten eine sehr große Angst. Dazu gehört auch die Fremdenangst, also die Angst vor Menschen aus einem anderen Kulturkreis. Diese Angst ist sehr komplex, da sie sich in viele Teile aufspaltet. Die Angst vor Identitätsverlust, vor Veränderung, vor Kontrollverlust und Zukunftsangst gehören dazu.

Immer wieder werden von Menschen mit Fremdenangst dieselben Argumente genannt.

Die nehmen uns die Arbeitsplätze weg. Die übernehmen unser Land und drängen uns ihre Kultur und ihre Regeln und Ansichten auf. Nachher gibt es viel weniger von uns und mehr von denen. Wer bin ich dann, wenn alles so anders ist? Ich kann die ja gar nicht verstehen, weder ihre Sprache, noch ihre Lebensweise. Ich verstehe ihre Kultur nicht, also kann ich weder sie, noch ihren Einfluss auf meine gewohnte Umgebung kontrollieren. Wie wird das in Zukunft werden, wenn so viele von denen hierher kommen? Die benehmen sich ja alle falsch, also nicht so, wie ich das gewohnt bin.

Aus diesen Ängsten wachsen Vorurteile und Ablehnung, Hass und sogar Gewalt.

In meiner Familie wurde schon immer der Kontakt mit anderen Kulturen gesucht. Ich selbst habe viele Menschen aus verschiedenen Kulturen kennengelernt und mich gerne mit ihnen über ihre Lebensart ausgetauscht. Dabei stellte ich jedes Mal fest, dass sie gar nicht vorhatten, unsere Kultur zu unterwandern und zu verbieten. Sie wollten einfach leben und sein, wie sie sind. Sie wollten an unserem Leben teilhaben und luden mich ein, ihre Kultur kennenzulernen. Es war nie die Rede davon, dass ich dann auch so leben sollte. Alle Menschen, die ich kennenlernte, waren ganz normale Menschen. Sie hatten dieselben Bedürfnisse, dieselben Ecken und Kanten, dieselben Fehler und Fertigkeiten, wie alle anderen Menschen, denen ich begegnet bin. Manche waren sehr nett und liebenswert, andere richtige Arschlöcher. So wie überall also.

Ich lernte Menschen kennen, die sich selbst durch diese Angst vor dem Fremden limitieren und begrenzen. Sie würden niemals in diese Länder reisen, niemals deren Essen kosten, niemals auf ihren Instrumenten spielen, niemals ihre Lieder hören, niemals so tanzen und singen, wie sie. Auch wenn es ihnen noch so gut gefallen würde, wenn sie es täten. Schon aus Prinzip verboten sie es sich.

Vielleicht verpassen sie dadurch die schönste Gegend, das wohlschmeckendste Essen, den besten Wein, die Liebe ihres Lebens, das schönste Kunstwerk ihrer Welt, die magischsten Wunder, nur weil sie Angst vor den Menschen haben, die so sind wie alle anderen Menschen.

Ängste engen dich ein und begrenzen dich. Sie geben dir eine einzige Richtung vor, sobald du ihnen folgst. Die Richtung zu einer eingebildeten Sicherheit. Dabei gibt es nirgends und nie wirkliche Sicherheit, außer im Vertrauen. So lange ich in Angst und nicht in Liebe und Vertrauen lebte, fand ich meinen inneren Frieden nicht, egal wie sehr ich danach gesucht hatte. Je mehr ich meiner Angst und dem Bedürfnis nach Sicherheit folgte, desto chaotischer und für mich unpassender gestaltete sich mein Leben und mein Umfeld. Denn auch deine ganze Umgebung suchst du dir entsprechend aus. Du umgibst dich mit ängstlichen und eingeschränkt lebenden Menschen.

Als ich meine Ängste losließ verabschiedeten sich die ängstlichen Menschen ebenfalls aus meinem Leben, da sie mit meiner Neugier und meiner positiven, für sie riskant erscheinenden, Einstellung nichts anfangen konnten.

Du brauchst niemals waghalsig sein und nie ins kalte Wasser springen. Es reicht, wenn du deine Ängste anschaust und siehst, was sie mit dir wirklich machen und wofür sie gut sind. Probiere vielleicht mal aus, einen kleinen Schritt zu tun. Baue Resilienzen auf, also erlebe Erfolge, wenn du vertraust. Begib dich nur in Gefahren, die du überschauen kannst. Schritt für Schritt kommt jeder an sein ganz persönliches Ziel. Ich wollte dir einfach nur einmal meine Sicht auf die Angst zeigen.

Wichtig ist mir noch zu erwähnen, dass du dich immer klar entscheiden musst, dass du lieben willst.  Manche Menschen nennen das in die Liebe gehen, was ich irgendwie als zu sperrig empfinde. Mach dir bewusst, dass deine Ängste nur deine Liebe überdecken. Sobald du dann entscheidest, die Angst einfach Angst sein zu lassen und lieber zu lieben, dann wirst du lieben. Im Leben ist, wie bereits mehrmals geschrieben, alles eine Sache deiner Entscheidungen. Je bewusster du diese Entscheidungen triffst, desto bewusster lebst du. Also wofür entscheidest du dich? Liebe oder Angst?