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Persönlichkeitsperfektionator

Lesedauer: 5 Minuten

Immer wieder begegnen mir Perfektionisten in allen Lebenslagen und für jeden Zweck.

Eine besondere Art des Perfektionismus ist gerade in den letzten Jahren immer mehr in Mode gekommen: Die Persönlichkeitsentwicklung. Im Verlauf dieses Buches habe ich bereits etliche Referenzen auf dieses Phänomen gezogen. Nun will ich mich dem Hype einmal ganz widmen.

Die Persönlichkeitsentwicklung wird nicht nur im privaten, sondern vor allem auch im beruflichen Umfeld mittlerweile gefördert und gefordert. Arbeitgeber wollen, dass sich ihre Mitarbeiter stets weiterentwickeln. Das geschieht natürlich nicht aus dem selbstlosen Bestreben heraus, den Angestellten zu einem besseren Menschen mit mehr Liebe und Mitgefühl zu machen. Es dient allein der Gewinnoptimierung. Denn die Mitarbeiter*innen sollen mehr Leistung in weniger Zeit erbringen, indem sie ihre Fehler ausmerzen und die Stärken ausbauen. Außerdem sollen sie sich effektiv und in möglichst kurzer Zeit von der hektischen, stressigen, fordernden Arbeit erholen können. Am Besten, als würde ein Schalter umgelegt, sobald sie den Arbeitsplatz verlassen. Auch das geschieht nicht zum Selbstzweck, sondern in der Hoffnung, das Durchhaltevermögen der Mitarbeiter*innen durch Resilienzbildung zu erhöhen und weniger Ausfälle durch Krankheit zu erzielen.

Auch Unternehmer*innen selbst optimieren sich immer mehr, um in kürzerer Zeit mehr zu verdienen.

Im privaten Bereich zielt die Entwicklung nicht etwa darauf ab, das eigene Leben schöner zu gestalten. Ganz im Gegenteil. Das Bedürfnis nach gezielter Entwicklung hin zu einer optimalen Lebensweise spricht von einer Unzufriedenheit mit sich selbst.

In jedem der oben genannten Fälle werden gewünschte Eigenschaften gefördert und unerwünschte abtrainiert. Oft nutzen die Therapeuten, Trainer und Coaches dazu Methoden, die aus der Tierdressur stammen oder zumindest daran erinnern.

Beim Erstkontakt verlocken die Methoden der Ausbilder zunächst, da sie zum einen auf schnelle Ersterfolge ausgerichtet sind und zweitens vorgaukeln, alles Gewünschte mit einfachen sich wiederholenden Mustern erreichen zu können. Doch nach einiger Zeit stellte ich fest, dass die Trainings und Learnings nur vorübergehend anhielten. Bad habits are here to stay, sozusagen. Coaches arbeiten sehr oft mit modern klingenden englischen Ausdrücken, was sie aus dem Businessumfeld (zu deutsch: der Geschäftswelt) aufgenommen haben, um hipper und moderner zu klingen.

Die Methoden können bei näherer Betrachtung nicht dauerhaft wirken, denn sie verändern nur die Denkweise, also den Verstand. Ich wechsle eine Voreinstellung des Verstands durch eine andere aus. Suchen und Ersetzen sozusagen. Die Mindsets (Glaubenssätze) sind zahlreich und müssen einzeln umprogrammiert werden. Darüber habe ich bereits geschrieben. Das bedeutet aber, nach neuronalen Gesichtspunkten (also dem Fachgebiet der Hirnforschung), dass du die neue, erwünschte Denk- und Handlungsweise öfter ausführen musst, als eine bisher gewohnte. Eine plötzlich unerwünschte Angewohnheit, die du seit 20 Jahren pflegst, hat breite Straßen in deinem Gehirn eingerichtet, die du leicht immer wieder befahren kannst. Die neuen Strukturen, die du verknüpfen und festigen willst, starten als Reihe von Fußabdrücken im Gras. Bis sie ebenfalls zu breiten Straßen werden und die Autobahn der schlechten Gewohnheit überlagert, dauert es womöglich weitere 20 Jahre. Die Coaching-Methoden verändern die Gewohnheiten nur kurzfristig. Irgendwann kehren die alten Denkweisen und Angewohnheiten zurück und du handelst wieder wie gewohnt. Der Vorteil liegt darin, dass du nun schneller darauf aufmerksam wirst und einen neuen Versuch starten kannst, die Gewohnheit abzulegen.

Ein Beispiel, wie das mit den Trainings funktioniert, sind die allseits bekannten Abnehmgruppen. Mittels Gruppendruck und -motivation nimmst du zuerst gut und schnell ab. Du achtest darauf, was du isst und zählst Punkte oder Kalorien. Du bewegst dich mehr und sitzt weniger vor dem Fernseher oder Internet. Doch sobald du die Gruppe verlässt und wieder auf dich allein und deinen eigenen Willen gestellt bist, brauchen lediglich stressige Zeiten daherkommen. Dann lässt du dich wieder gehen. Es fängt als kleine Belohnung für die Tagesleistungen an. Ein paar Chips, ein wenig Bier oder Wein, einen Riegel Schokolade oder eine Lieferpizza. Die Einstiegsdroge ist egal. Innerhalb kürzester Zeit ist dein Erfolg durch die Abnehmgruppe dahingeschmolzen und die Waage zeigt wieder böse Zahlen an.

Weißt du, wie ich aufgehört habe zu rauchen?

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Ich hatte von einem Tag auf den anderen keine Lust mehr dazu. Jahrelang habe ich immer wieder versucht aufzuhören. Alle denkbaren Tricks habe ich ausprobiert, keiner hat dauerhaft geholfen. Erst als ich die Nase voll von der ewigen nach Rauch stinkenden Wohnung und den eklig riechenden Klamotten, den Kreislaufproblemen, den Suchterscheinungen, Entzugserscheinungen, Beschaffungsgedanken um 2 Uhr früh hatte, habe ich einfach aufgehört. So mir nichts dir nichts. Genau dasselbe tat ich mit den exzessiven Feiern an jedem Wochenende und dem allabendlichen Gewohnheitsbier und der Belohnungsschokoladentafel.

Auch andere für mich negative Handlungen habe ich auf diese Art ganz abgelegt.

Das ist das Beruhigende an allen Handlungen eines jeden Menschen: Sobald er sie wirklich satthat, hört er damit endgültig auf. So lange ich relativ unbewusst gelebt habe, habe ich viele Dinge exzessiv betrieben, bis ich nicht mehr wollte. Meist weit über meine Belastungsgrenzen hinaus. Manchmal musste ich krank werden, um auf die negativen Auswirkungen zu stoßen, manchmal war ich einfach nur die ewig gleichen Auswirkungen der Handlung leid.

Je bewusster ich lebte, desto schneller kam ich an den Punkt, der mich aufhorchen und innehalten ließ. Der Punkt, an dem das wirklich bewusste Nachdenken über die Handlungen und ihre Auswirkungen anfingen. Der Punkt, an dem ich nicht einfach nur immer denselben Blödsinn veranstaltete, weil ich keine Alternative kannte und mir die Beschäftigung mit dem Thema zu mühselig erschien.

Schon früh lernte ich, mich selbst zu beobachten und bestimmte Gedanken und Handlungen zu hinterfragen. Das nennt man Selbstreflexion. (Und das wird so geschrieben. Auch wenn das Verb reflektieren und nicht reflexieren heißt. Komisch, diese Sprache.) Das kann jeder natürlich nur im Rahmen seiner eigenen Weltanschauung. Diese entsteht, wie vorher beschrieben aus der Bewertung der eigenen Wahrnehmung. Die Bewertung wiederum basiert auf dem ganzen Müll und Schrott, der dir bisher eingetrichtert wurde.

Je mehr du deinen Gedanken und Gefühlen folgst und anhaftest, desto mehr bewertest und reflektierst du immer wieder in derselben Art und Weise. Bei jeder Reflexionsrunde kommst du automatisch immer zu denselben Ergebnissen. Sicher kennst du auch Menschen, die nie an etwas Schuld sind. Immer haben andere die Verantwortung an den Fehlern und Miseren, die ihr Leben beeinflussen. Vielleicht kannst du auch Menschen, die sich nie irren und immer Recht haben. Oder du kennst Menschen, die alle Fehler bei sich suchen und finden. Immerzu sind sie zu doof oder zu ungeschickt und zu imperfekt. Manche Menschen halten sich selbst klein, weil ihnen nie erlaubt wurde zu wachsen und niemand sie dazu ermuntert hat, die eigenen Grenzen zu erkunden. (Zu den eigenen Grenzen und Abgrenzung kannst du in meinem Buch SEELENWEITE HOCHSENSIBILITÄT Texte nachlesen, auch wenn du nicht hochsensibel bist.)